Leonardos Fahrrad? jörns notizen

Demokratie - nur echt mit dem Fragezeichen… »

07.
Februar
2009

Kapitales Herdenvieh

Glaube ich dem Duden, so hat das Kapital ursprünglich mit dem Bestand an Herdenvieh zu tun. Klingt plausibel und weckt Assoziationen zwischen Nutzvieh-Herde und einer Schar von Lemmingen.

Das Etymologische des dtv deutet die Herkunft des Wortes Kapital etwas zurückhaltender; Kopf als Ursprung wohl, doch wie ein Haupt sich gern hauptsächlich sieht, als Oberhaupt, so ist das Kapital dort schon im Ursprung schlicht wesentlicher Grundstock an Vermögen.

Letzten Endes ist es aber wurst, wie dieses Wort vom Kapital denn nun auf uns gekommen ist; jene kapitalen Glücksspielbanker, die Kohle nur verheizen können, sie sehn in Menschen doch nur Lemminge, und deren Wert darin, dass sie sich über jede Klippe jagen lassen.

Wenn aus der Schattenwirtschaftskrise Ausweg ist, dann führt er übers Licht, das die Gesellschaft in den Schatten wirft. Die bisher blind versprühten Milliarden jedenfalls sind weg und der Effekt so groß, wie wenn man nachts im finstren Keller Öl verspritzt, um seine Fahrradkette neu zu schmieren.

Kaputt ist übrigens nicht zwingend mit dem Kapital verbunden, aber übers Kartenspiel vielleicht nicht gänzlich unverwandt: Aus dem Französischen capot für “ohne Stich sein” gekommen, wo dieses Wort wahrscheinlich mit dem Bild vor Augen entstand, dass jemand sich die Kapuze seiner cappa, seines Mantels ins Gesicht zieht, wenn er sich in (dann erst recht) aussichtsloser Lage sieht, hat es via cappa wie das Kapital und wie der Kopf und wie das Haupt was mit einem alten Wort für Schale, für Gefäß zu tun. Kopf kommt von der runden Kuppe, die (in guten Fällen) ein bisschen Hirn enthält.

7. Februar 2009, 19:13

07.
Februar
2009

"Die Zigarette danach"

Ja, es hat mich beschäftigt. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Natürlich galt mein erster ZEIT-Blick am Donnerstagmorgen dem Magazin, von hinten erblättert. Ich war darauf gefasst, Magazin-Normalität irgendeines Artikelendes vorzufinden – oder vielleicht das seitenfüllende Foto eines Aschenbechers, mit noch glimmender Zigarette. Obgleich, dies Bild hätte was von Nachruf; wenn andere den Stift aus der Hand legen, den Löffel abgeben, bei Schmidt wär das die Zigarette. Kein Nachruf-Aschenbecher also, dafür ists gottlob zu früh, dafür Die Zigarette danach, mit Zigarillo und Peer Steinbrück. Dessen Antworten eine Fortsetzung der Serie für möglich halten lassen, vielleicht taugte das, stillere Macher erkennbar werden zu lassen – aber es soll nur noch vier Teile geben. Jedenfalls auch von ihm Sätze, die wohl eine gewisse Diplomatie, aber ein Taktieren nicht erkennen lassen. Und das Thema Rauchen ist kein nebensächliches, weil es als Symbol für deutsche Regelwut gut taugt. Bei seinem Schluss-Satz hatte ich dann sogar Schmidt im Ohr; auf “Es lässt Lafontaine dubios erscheinen.” die Frage “Dubios oder gefährlich?” und seine Antwort, deutlich und doch diplomatisch: “Wenn ein Mann zu dem Ergebnis kommt, dass der Zweck die Mittel heiligt, dann wird es gefährlich.”

Übrigens hält Steinbrück auf dem Foto im Heft seinen Zigarillo zwischen Daumen und dem Zeigefinger fest – das hat etwas von “Aufrauchen bis zum letzten Krümel”, das sieht so nach Festhalten aus. Bei Schmidt hängt die Zigarette immer lässig auf halb Acht zwischen Zeige- und Mittelfinger, wo sie die meisten halten. Oder nicht? Ich werde in der nächsten Zeit mal darauf achten. Sofern mir noch ein paar Restexemplare der Gattung Raucher begegnen…

7. Februar 2009, 10:16

03.
Februar
2009

Auf eine letzte Zigarette...

Wieder eine liebgewordene Gewohnheit weniger, kein Donnerstag wird mehr beginnen wie zuvor. Was mag die ZEIT wohl an das Ende ihres Magazines setzen, wo man seit Monaten und Jahren jenen trocknen Kettenraucher lesen durfte, im Kurzgespräch mit Giovanni di Lorenzo? Ich weiß wenige, die Dinge des Lebens so unumwunden kurz und so hanseatisch trocken auf den Punkt zu bringen in der Lage sind wie Helmut Schmidt. Ich ganz gewiss nicht, aber ich bin ja auch kein Kettenraucher. Doch liebte ichs, wie sich dem deutschen Regelwahn allwöchentlich das Zigarettenfoto entgegenstemmte. Ich meine eine Szene zu erinnern, in der ein recht genervter Schmidt einer noch jungen Interviewerin namens Maischberger den Zigarettenqualm mitten ins Gesicht gepustet hat. Immer und immer wieder. Dieser Mensch sagt und lebt, was er denkt, und er formuliert wohl zuweilen diplomatisch, doch immer unverbogen. Das Zigarettenfoto hatte vielleicht ausgedient; die großen Wogen sind ja längst verebbt. Doch seine knappen Kommentare hätte ich noch lange gern gelesen.

Der ZEIT geht es nicht schlecht, es geht ihr sogar ausgenommen gut (laut Pressemeldung vom 21.01.2009: höchste Reichweite seit 18 Jahren). Schmidt meint in seinem letzten Interview an diesem Platz dazu: “Ich glaube, dass der Erfolg damit zusammenhängt, dass die ZEIT immer wieder Denkstücke anbietet, die kein Internet und kein Onlinejournalismus ersetzen kann.”

Das Wort “Denkstücke” gefällt mir, wobei ich den gegenwärtigen Erfolg der Zeit nicht nur ihren Qualitäten zuzuordnen geneigt bin, den aufgegriffnen Themen, den angestoßnen Diskussionen, der bunten Sprache des Feuilletons… die Tageszeitungen fallen schlicht zurück und können schlecht bestehen gegenüber dem Cluster nicht papiergebundner Medien – sie treiben, so vermute ich, ein ordentliches Maß an neuen Lesern der Wochenzeitung zu, nicht nur der Zeit.

Mit seinem Hieb gegen “Onlinejournalismus” und das Internet ist Herr Schmidt jedoch gewaltig auf dem Holzweg. Durch diese hohle Gasse kommen sie heutzutage aber alle, früher oder später. Als ob Autoren ans Papier gefesselt wären.

Das Medium Internet macht den Autoren und Verlagen Angst, weil es so ungewiss ist, wie man damit Geld verdienen soll. Wer nicht sein ganzes Heil in Werbung sucht, tut gut daran; sie ist so schwer zu kalkulieren wie das Wetter, auf lange Frist zumindest. So manche Zeitung machte Pleite, und in den USA gibt es die ersten lokalen Blätter, die in Indien geschrieben werden. Die indischen Gehälter, sie werden langsam steigen – doch wenn sich dieser Globalismus nicht mehr rechnet, sind dann zu Hause noch des Schreibens Kundige zu finden? Es gibt nur einen Weg aus der Misere: Qualität. Und ein gesundes Augenmaß, nicht jeder Mode sich ganz auszuliefern. Gratwandern ist angesagt in Zeiten des Umbruchs. Soll man als Wochenzeitung auf einen gewissen Altruismus hoffen, auf ein Bewusstsein für Gemeinschaft? Ich abonniere diese Zeitung ZEIT nicht, weil manches (wie auch “Auf eine Zigarette”) nicht oder nicht immer im Internet zu finden ist. Ich abonniere sie, weil ich sie lesen möchte, weil sie mir zusagt, und weil sie in dieser Güte zu ihrer Existenz die Abonnenten braucht. Aber kann man auf sowas als Verleger bauen? Und: wieviel monetären Gewinn erlauben altruistisch finanzierte Unternehmungen?

Eines scheint mir sicher: wenn ein Verlag die eigne Zukunft sichern will, dann muss er sich die Köpfe sichern, die ihm Gesicht verliehen.

3. Februar 2009, 18:38

07.
Januar
2009

Schusters Leisten

Schuster, bleib bei deinem Leisten, so heißts noch heute bei den meisten, die des Versuches Fehlschlag kommentieren. Bleib schön beim Abbild jenes Fußes, für den der Schuh mal passen soll, bleib in der Spur, in den Geleisen alten Denkens. So kommt man, etwas leistend, zu Erfolg.

Ich liebe, wie verräterisch die Sprache ist; der Leisten ist im Ursprung Fußabdruck und Spur, verwandt mit den Geleisen, und etwas leisten heißt im alten Wortsinn nichts andres als befolgen. Folge leisten ist genau genommen tautologisch. Natürlich verlagern sich Bedeutungen, gottlob, die Sprache lebt. Doch lebt die Sprache nicht auch von der Feinheit der Begriffe? Und wäre es nicht nur vernünftig, statt allenthalben Leistung einzufordern, Können und, daraus erwachsend, Schaffen zu verlangen? Etwas zu leisten ist nicht ganz dasselbe, auch wenn es heutzutage meist in diesem Sinn verstanden wird.

Wer was leistet, hat, mit etwas Glück, Erfolg. Erfolg ist die Belohnung für das Bestreben, Erwartungen zu folgen, sie zu erfüllen, böse formuliert: sich ihnen anzudienen. Ist das denn wert, erlangt zu werden?

Ach, wünsch mir nicht Erfolg, wünsche mir Gelingen. Du weißt, ich bin empfindsam in solchen Sprachendingen.

7. Januar 2009, 07:49

20.
Dezember
2008

Bescherung

Da haben wir die Bescherung – es ist angerichtet! Der liebe, liebe Staat, so scheints, lenkt ein und teilt Geschenke aus; schließlich ist bald Weihnacht: Lassen wir die Hasardeure ungeschoren, scheren wir uns nicht um Ursache und Wirkung, nicht um die Kluft zwischen produzierender Wirtschaft und jener des Schmiermittels Geld, teilen wir kräftig aus, es ist Zeit, Zeit für die Bescherung.

Zu dumm, dass beim Souverän nicht viel von diesen Spenden landen wird, nicht bei den braven Ackermännern, nur bei denen vom Schlage jenes einen. Der eine Bad Bank vorschlägt, um Bilanzen zu hübsch freundlich scheinenden Potemkinschen Dörfern zu machen. Was sind das für Fachleute in den Spitzenpositionen? Sind das Leute vom Fach, oder sind es in Wahrheit nur noch Netzwerkspezialisten und Fassadenexperten? Und was ist das alles noch für ein Markt?

Wenn der Staat schon Geld ausschüttet in diesen Zeiten, sollte er dann nicht massiv unterbewertete Unternehmen kaufen, statt sie mit Geldspritzen für ihre Aktienhalter wieder attraktiver erscheinen zu lassen? Nicht dass ich Politikern zutraute, erfolgreich Unternehmen zu führen. Es wär doch nur für eine Weile, jetzt ein paar hübsch durchdacht verteilte feindliche Übernahmen, in spätestens ein, zwei Jahren den Kram wieder verkaufen. Hätte man gleich einen Job für die Heerscharen, die eigentlich die Bahn vertickern wollten. Denn die sollte wie jede öffentliche Infrastruktur auf Dauer besser uns gehören. Aber das ist ein anderes Thema.

20. Dezember 2008, 22:58

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