Leonardos Fahrrad? jörns notizen

24.
Februar
2011

The Gist

To get the gist… war da zu lesen, und gist musste ich nachschlagen, um das Wesentliche zu verstehen, eben to get the gist. Und ich bemerkte, wie schwer sich dieses Wort auf meine Festplatte brennen ließ, weil ich so gar keine Assoziationen zu diesem Wort gist zu finden vermochte, keine nah bei gist liegenden Wortbildungen, nicht den Hauch einer Idee von seiner Etymologie. Und mir fiel auf, wie schnell ich mich beim Erschließen einer Sprache um Vernetzungen bemühe, mit anderen Begriffen, mit sprachgeschichtlichen Details. Und dann auch noch das: liegt gist verwandschaftlich nah bei frz. gésir für liegen. Im ersten Augenblick sehr unbefriedigend. Beim zweiten Hinsehen erschließt sich mir das Wesen (im mhd. Ursprung sich aufhalten, sein), und find ich die Essenz (von lat. esse, sein), und findet sich ein naheliegender Platz in meinem Kopf für gist.

24. Februar 2011, 21:55

11.
November
2010

Gratwanderung

Der geliebte Grat… bin vor kurzem darüber gestolpert, dass ich für das Wort Gratwanderung im Englischen gar keine Entsprechung finden konnte. Balancing act und tightrope walk sind freilich in der Nähe, aber an die Assoziationsdichte von Gratwanderung reichen sie eben nicht heran, das Drahtseil ist eher unter einer Zirkuskuppel als in Gipfelnähe, und unter seiner dünnen Rundung ist nichts, woran sich Auge oder Fuss noch halten könnten. Ich muss auf meinem Grat zudem nicht ständig balancieren. Der Gratweg spannt sich mir zwischen den Gipfeln, und mag manch Grat beschwerlich sein und wenig gangbar, so bleibt doch stets die Möglichkeit, zugunsten einer Seite sich für eine Weile aus dem Gipfelwind zu nehmen, schlimmstenfalls seilt man sich ab. Seilt man sich von dem tightrope ab, dann gibt es keine Seiten mehr, auch das ein schönes Bild; manchmal erwisch ich mich dabei, mühevoll zwischen zwei Seiten auszubalancieren und merke viel zu spät, dass es die Seiten gar nicht gibt und ich nur zu sehr in die Luft gegangen bin. Aber tightrope walk bleibt Drahtseilakt, und eine Gratwanderung ist etwas anderes.

Die Wörter Grat und Gräte sind verwandt, auch mit der Granne, und so in Bezug auf die Bedeutung Spitze eher nicht etwas solitäres (wenngleich in anderen Sprachen die gemeinsamen Urwörter in Pfeil und Speer aufgegangen sind). Der Grat, die kleine Gipfelkette zwischen den Bergen. “Übern Berg sein” stammt wohl nicht aus Gebirgslandschaften, setzt diese Wendung doch einen Berg voraus, der eher sich als große Bodenwelle eines Weges oder einer Straße zeigt, auf dessen anderer Seite man dann nicht mehr mit dem Anstieg kämpfen muss. Im Gebirge ist dagegen das “auf dem Gipfel sein”, “den Gipfel erreicht haben” das Ziel. Der Grat befindet sich für mein Gefühl zwischen den Gipfeln, wenn er nicht gleich eine ganze Gipfelkette einschließt. Und so ist der Grat zugleich auch Stelle des Passierens, viele Pässe führen auf ihrem letzten Stück über eine niedrigere Stelle eines Grates zwischen zwei Gipfeln. Zwei gegensätzliche Aspekte rechts und links des Grates, die man zugleich im Auge hat, solange man den Gratweg geht. Zwischen denen man aber auch wechseln kann, den Gratweg querend. Das Drahtseil lässt dagegen keinen Abweg zu. Ob ridge walk sich dem Muttersprachler ebenso erschließt, obgleich im Wörterbuch figürliche Verwendung nicht als Option vermerkt ist?

Spannend finde ich, dass sich gratwandernde Spanier eher auf dem Schlappseil (cuerda floja) bewegen, und sie befinden sich dabei (estar), während die Franzosen das straffe Seil (corde raide) bevorzugen und dort eher mit etwas dienstlicher Strenge üben (exercise). Für die gratwandernden Italiener ist es eine zweideutige (gar scheinheilige?) Situation (situazione molto ambigua), eigenartiger Weise nicht zwiespältig-ambivalent (ambivalente), aber das könnte am Wörterbuch liegen. Die Polen befinden sich gratwandernd na krawędzi, an der Kante, an der Grenze, die der Abgrund ist. Ich wiederhol mich: Spannend! Liebe Muttersprachler, lasst mich von Euren Gratweg-Möglichkeiten und Euren Gratweg-Sprachgefühlen wissen, ich freue mich über jede solche Nachricht, auch per Mail.

11. November 2010, 08:37

26.
Oktober
2010

Wohin die Reise geht...

Peter Ramsauer auf eine Frage der ZEIT zur Bahnprivatisierung: Es war bestimmt richtig, aus der Staatsbahn ein Unternehmen zu machen. Durch die private Rechtsform hat sie ein modernes Rechnungswesen und kann flexibler arbeiten. Aber der Staat sollte sie nicht komplett verkaufen. Ihr Unternehmensziel darf nicht immer die Gewinnmaximierung sein. Ihre Produkte sind Kundenorientierung, Schnelligkeit, Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Und sie soll dazu beitragen, das Land gleichmäßig zu entwickeln.

Ein CSU-Mann stellt Gewinnmaximierung in Gegensatz zu Kundenorientierung, Schnelligkeit, Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Das muss ich erst mal setzen lassen. Nicht weil der Gegensatz an sich mir neu gewesen wäre; es entspricht täglichem Erleben. Die Zeiten bürgerlichen Anstands (des mit dem hanseatisch s-pitzen ‘s’) und der sogenannten Ehre sind vorbei, zumindest in den Vorstandsetagen. Geld regiert die Welt, das Regulativ religiös motivierter Überzeugungen bröckelt dahin; der Gedanke ans Jüngste Gericht ist längst von jüngsten Gerüchten übertüncht.

Die Frage ist, wohin die Reise geht. Ein Zurück kann nur ersehnen, wer jene Gleichmacherzeiten nicht aushalten musste oder phantasielos und biegsam genug ist, um ihren Druck nicht zu spüren. Den Paragraphenwald noch weiter aufzuforsten, ist auch keine Lösung, wir haben eh längst ein überbestimmtes System, in dem es seiner Natur nach an allen Ecken und Enden ächzt und knarrt. Mir fällt im Moment nur der Idealismus ein, mit man sich vor zwanzig Jahren an runden Tischen zusammenfand. Ich habe wieder das Gefühl, dass uns Umbrüche bevorstehen. Und wieder bin ich mir nicht sicher, wohin die Reise geht, Hauptsache, wir Bürger brechen auf, bevor die Gesellschaft kippt und ins Totalitäre abrutscht.

26. Oktober 2010, 07:20

11.
Oktober
2010

GAU

Natürlich erwischt es mich genau dann, wenn ich wider all meine Gardinenpredigten den nahenden Festplattentod mal wieder verdrängt und schon lange kein Backup gezogen habe. Nach Jahren stabilen Betriebs (es war an der Zeit!) ist meinem Provider ein Server gestrandet, und nachdem sie nach der Methode “Gehe zurück auf Los” den Kahn wieder flottbekommen hatten, sah er so aus wie vor ein paar Wochen, das digitale Zeitalter machts möglich. Und ich werde noch eine Weile frickeln, bis alles wieder so aussieht wie Ende voriger Woche…

11. Oktober 2010, 21:29

29.
August
2010

Wolkenblase

Clouds sind seit einiger Zeit so ein Marketing-Modethema, eine gigantische Cloud-Computing-Wolkenblase treibt schillernd vor sich hin.

Man kann nun Cloud Computing aufs Korn oder auf die Schippe nehmen, nur auf die leichte Schulter nicht. Es ist ein Datenschutzthema (wie in ihrem Zeit-Blog Kulturkampf Christiane Schulzki-Haddouti ganz recht bemerkt). Vor allem sind die Technologien dahinter nicht neu, und der Begriff ist alles andere als wohldefiniert. Typisch für solche Modeerscheinungen. Es gibt einen griffigen Namen, der ausreichend wolkig definiert ist, um ihn ohne Hintergrundwissen allenthalben anbringen zu können.

Clouds, die das Internet bewölken, sind mir nur dann willkommen, wenn ich darin ordentlich verschlüsselte Daten hinterlegen kann. Damit kann man aber kein Cloud Computing betreiben, denn dazu müsste man ja innerhalb der Cloud an die Inhalte herankommen. Ist also nur eine sehr marginale Form dessen, was da gegenwärtig so hochgeredet wird. In einem Intranet ist das ein anderes Thema; das Intranet, es ist im besten Fall ein geschützter Raum, bei dem man wohl erwägen kann, manche Daten durch einen irgendwo, aber eben im Intranet gelegenen Rechnerpool verarbeiten zu lassen.

Wenn ich an Internet und verteiltes Arbeiten denke, dann schweben mir gut verschlüsselte Datenmassive vor, die jederzeit als Kopie auch offline zu nutzen sind. Die nur am Endgerät entschlüsselt werden, und auch das nach Zugriffsrechten unterschieden. Für die es Konsistenzsicherungs- und Backup-Mechanismen gibt, hin zu unterschiedlichsten Plattformen. Gibt es leider nicht. Noch nicht in Sicht. Das Telefon kennt Adressen und Termine, aber die kann es nicht ohne intensive, nervenaufreibende Mithilfe des Nutzers mit den entsprechenden Programmen auf dem heimischen PC abgleichen. Vor allem nicht ohne Detailverluste. Adressbüchern fehlt hier das eine, dort das andere Element. Terminen lassen sich nicht selbstverständlich Gruppenrechte zuteilen, die sie automatisch den jeweiligen Gruppenmitgliedern auf den Schirm bringen. Für vieles gibt es unterschiedlich clevere, ansatzweise Lösungen, aber es gibt keine umfassende. Das liegt wesentlich daran, dass man von Datenkompatibilität zwischen unterschiedlichen Anwendungen nicht reden kann.

Fast jeder kann sich heutzutage mit fast jedem verbinden und Daten austauschen, aber eine Ebene höher, bei der semantischen Analyse, ist großes Schweigen im Walde. Weil jeder sein eigenes Attributierungssystem einführt, andere versuchen immerhin, eine Art Fach-Esperanto zu installieren. Es scheitert, wie Esperanto. Weil es nicht die richtige Herangehensweise ist. Ich halte den Cloud-Boom für eine phantasielose Flucht; Daten werden in der Cloud letzlich wieder zentralisiert (auch wenn Cloud Computing verteiltes Arbeiten suggeriert), und zudem entsteht Abhängigkeit vom Netzanschluss. Ich meine, dass XML eine gute Basis für den Datenaustausch ist, dass aber etwas wie fest vordefinierte XML-Dialekte nicht aus dem Kompatibilitätsdilemma führt. Ich meine, dass Programme uns in die Lage versetzen müssten, Attributierungssysteme in kürzester Zeit halbautomatisch aufeinander abzubilden. In dem Umfang, in dem es für die jeweilige Anwendung gerade erforderlich erscheint. Optional verlustfrei. Ist noch recht nebulös, dieses Statement. Es wird mich geraume Zeit beschäftigen, dann mehr.

29. August 2010, 18:11

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