Leonardos Fahrrad? jörns notizen

07.
Januar
2009

Schusters Leisten

Schuster, bleib bei deinem Leisten, so heißts noch heute bei den meisten, die des Versuches Fehlschlag kommentieren. Bleib schön beim Abbild jenes Fußes, für den der Schuh mal passen soll, bleib in der Spur, in den Geleisen alten Denkens. So kommt man, etwas leistend, zu Erfolg.

Ich liebe, wie verräterisch die Sprache ist; der Leisten ist im Ursprung Fußabdruck und Spur, verwandt mit den Geleisen, und etwas leisten heißt im alten Wortsinn nichts andres als befolgen. Folge leisten ist genau genommen tautologisch. Natürlich verlagern sich Bedeutungen, gottlob, die Sprache lebt. Doch lebt die Sprache nicht auch von der Feinheit der Begriffe? Und wäre es nicht nur vernünftig, statt allenthalben Leistung einzufordern, Können und, daraus erwachsend, Schaffen zu verlangen? Etwas zu leisten ist nicht ganz dasselbe, auch wenn es heutzutage meist in diesem Sinn verstanden wird.

Wer was leistet, hat, mit etwas Glück, Erfolg. Erfolg ist die Belohnung für das Bestreben, Erwartungen zu folgen, sie zu erfüllen, böse formuliert: sich ihnen anzudienen. Ist das denn wert, erlangt zu werden?

Ach, wünsch mir nicht Erfolg, wünsche mir Gelingen. Du weißt, ich bin empfindsam in solchen Sprachendingen.

7. Januar 2009, 07:49

06.
Januar
2009

Kitschwetter

Sanft sinkt Weiß hernieder, auf jedes Zweiglein, jeden Ast, schenkt jedem Pfahl ein Häubchen, hüllt Tages Lärm in Stille, der wintergraue Grund ist aufgelöst in watteweichen Eiskristallen, blauer Schimmer klaren Sternenhimmels und fahles Gold der Gaslaterne umspielen sich im Schnee. Jetzt ist Winter, und mich umgibt ein Bild wie Raureif-Hagebutte, wie dralle Trauben Weins vor bunten Blättern, wie Nebeltau auf Spinnennetzen, das Jahr ist reich an solchen Bildern, derer ich nicht überdrüssig werden kann, ist reich an Augenblicken, die mich eine klare Trennung zwischen Kitsch und Kunst als Quatsch erkennen lassen.

6. Januar 2009, 08:03

22.
Dezember
2008

Kräh-e

Sie ließ mich heut nicht los, Krähe, wunderliches Tier, willst mich nicht verlassen? Nicht, dass ich mit Wilhelm Müller auf Winterreise gehn wollt und von der Krähe fordern Treue bis zum Grabe! Nein, so sehr mich Müllers Zeilen in Schuberts Melodien gefangennehmen, die Stimmung ist mir frei von solcher Schwermut. Aber mit Stimmung hat sie doch zu tun, die Krähe. Sie war dies Jahr des Tags Begleiter, kaum eine Woche ohne sie: Inmitten eines krächzenden Schwarms war eine, die ihrem Namen alle Ehre machen wollte: Kräh-e, sie (oder er) krähte e. Langgezogen auf diesem einen Ton. Nur bei düstrem Wetter oder drückender Hitze war sie einen Hauch zu tief.

22. Dezember 2008, 23:06

21.
Dezember
2008

Schon wieder Weihnacht.

Mir scheint, dass die Adventszeit in jedem Jahr ein Stückchen kürzer wird. Drum halt ich inne, und ich sehe noch die Lichter, die sich in unsren Kinderaugen spiegelten. Die Wohnung war vom Duft der Stollenbäckerei erfüllt, die Tage bis zu Heiligabend rannen zäh wie Honig, und jeden Tag gab es ein Stückchen aus der Weihnachtsgeschichte zu hören. Mündend im Stall unter dem Stern, die Krippe zwischen Ochs und Esel, darin das goldgelockte Kind in reinlichen Windeln… Weihnacht sind die Kirchen gut gefüllt. Man holt sich schnell noch etwas Weihnachtsstimmung ab, bevor dann im Familienkreis die Krise naht. Manch Pfarrer kann in seiner Weihnachtspredigt dem nicht widerstehen und watscht die seltnen Gäste ab. Verständlich und doch traurig. Stille Nacht, heilige Nacht, süßer die Glocken nie klingen, wenn sich nur der Orgel nicht die Pfeifen zusetzen bei so viel Süßkram. Den ich aber gar nicht missen möchte: Zur Weihnacht ist eine Extra-Portion seliger Verklärtheit erlaubt.

Was ist uns Weihnachten? Tradition. Familienfest. Geschenkemarathon. Achja, Heilands Geburtstag. Und, in abertausend Krippenspielen zelebriert: so arm geboren. Uns allen geboren. Aber was macht Weihnachten so groß? Was ist der Knabe in der Krippe gegenüber den vielen überlieferten Gleichnissen, seinem Weg und seinem Ende am Kreuz? Ist es, weil das Bild vom Kind in der Krippe so hübsch bequem zu verstehen ist?

Bei Karl Baier bin ich auf eine Sicht gestoßen, die mir die vielen kleinen Risse im Weihnachtsbild verheilen hilft. Eine Sicht, die wie so viele Einsichten der Antike und besonders des Mittelalters von der Romantik überpinselt wurde. Weihnacht als Feier der Dreifachgeburt, Geburt als Sohn des Gottes, als Sohn der Maria und damit Mensch unter Menschen, und Geburt Gottes in jedem Menschen, der sich darauf einlassen möchte. Womit wir wieder bei den Krippenspielen wären, mit den Hirten und den Weisen, den Armen wie den an vielerlei Gaben Reichen, die diesem Ereignis anheimfallen, für die es ein Wendepunkt des Lebens wird. Und was ist mit der Gemeinde zwischen diesen Extremen, die süß bedudelt hernach gen Christbaum zieht, eine schöne Bescherung? Von Origines ist überliefert: “Was nützt es mir, wenn Christus geboren wird aus der heiligen Jungfrau, aber nicht in meinem Inneren?” Und Meister Eckart sagt zu diesem Thema, zweihundert Jahre vor Luther: “Nun sagt ein Meister: Gott ist Mensch geworden, dadurch ist erhöht und geadelt das ganze Menschengeschlecht. Dessen mögen wir uns wohl freuen, dass Christus, unser Bruder, aus eigener Kraft aufgefahren ist über alle Chöre der Engel und sitzt zur Rechten des Vaters. Dieser Meister hat recht gesprochen; aber wahrlich, ich gäbe nicht viel darum. Was hülfe es mir, wenn ich einen Bruder hätte, der da ein reicher Mann wäre und ich wäre dabei ein armer Mann? Was hülfe es mir, hätte ich einen Bruder, der da ein weiser Mann wäre, und ich wäre dabei ein Tor?” Wie gesagt, siehe bei Karl Baier, Weihnachten: Fest der dreifachen Gottesgeburt – eine Spurensuche.

21. Dezember 2008, 11:05

20.
Dezember
2008

Bescherung

Da haben wir die Bescherung – es ist angerichtet! Der liebe, liebe Staat, so scheints, lenkt ein und teilt Geschenke aus; schließlich ist bald Weihnacht: Lassen wir die Hasardeure ungeschoren, scheren wir uns nicht um Ursache und Wirkung, nicht um die Kluft zwischen produzierender Wirtschaft und jener des Schmiermittels Geld, teilen wir kräftig aus, es ist Zeit, Zeit für die Bescherung.

Zu dumm, dass beim Souverän nicht viel von diesen Spenden landen wird, nicht bei den braven Ackermännern, nur bei denen vom Schlage jenes einen. Der eine Bad Bank vorschlägt, um Bilanzen zu hübsch freundlich scheinenden Potemkinschen Dörfern zu machen. Was sind das für Fachleute in den Spitzenpositionen? Sind das Leute vom Fach, oder sind es in Wahrheit nur noch Netzwerkspezialisten und Fassadenexperten? Und was ist das alles noch für ein Markt?

Wenn der Staat schon Geld ausschüttet in diesen Zeiten, sollte er dann nicht massiv unterbewertete Unternehmen kaufen, statt sie mit Geldspritzen für ihre Aktienhalter wieder attraktiver erscheinen zu lassen? Nicht dass ich Politikern zutraute, erfolgreich Unternehmen zu führen. Es wär doch nur für eine Weile, jetzt ein paar hübsch durchdacht verteilte feindliche Übernahmen, in spätestens ein, zwei Jahren den Kram wieder verkaufen. Hätte man gleich einen Job für die Heerscharen, die eigentlich die Bahn vertickern wollten. Denn die sollte wie jede öffentliche Infrastruktur auf Dauer besser uns gehören. Aber das ist ein anderes Thema.

20. Dezember 2008, 22:58

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