Leonardos Fahrrad? jörns notizen

19.
Dezember
2008

Hirnkrach

Beschönigend könnte ich Konstruktivismus dazu sagen, wenn nachts mir wie ein Keil der Hirnkrach quer durch die Gedanken fährt, Wortspaltereien treten dann das Denken über Inhalt in die Tonne. Und in der vergangnen Nacht war es die Suche nach A-e-i-o-u-Konstrukten, nach Sätzen mit Worten gleichen Klangs, nur ein Vokal in eben jener Reihenfolge wechselt. Seis drum, hier ists entsorgt:

Mag ich daran glauben, es gäbe umgangssprachlich, mancherorts, ‘het’ für ‘es’ (mir ist es nur für ‘das’ erinnerlich), dann funktionierte, gemixt mit Denglish: Hat het Hit, hot Hut hat man dann auch. Nicht überzeugend. Gut. Es weihnachtet, da will die Herde in den Stall getrieben sein, das ungewohnte Dach über den Köpfen lässt manchen Herdenteil vor Panik blöken, den Schäfer dauert das, doch aus mit Dauern, Ausdauer ist gefragt: Zu oft muss er beim Einstallen Stellen stillen, Stollen Stullen dann ersetzen müssen. Naja.

Aber schließlich doch noch Hirnesruh in Sicht, am Horizont gefunden:

Kaum sah See sie, so suchend sann sie in die Ferne.

Und endlich konnt ich wieder schlafen.

19. Dezember 2008, 07:58

18.
Dezember
2008

Verführungs-Kunst

Kunst-Verführungskünste sind scheel angesehen; es ziemt sich nicht, die Kunst bekömmlich zu servieren, ist sie doch Medizin für Geist und Seele, und Medizin muss bitter schmecken. Zumal wir als Gebührenzahler manch Künste finanzieren, die über die Verführung nicht hinausgekommen sind.

Doch zu verführen ist – bei aller Anspruchslosigkeit des einen oder anderen – noch immer eine Kunst, und wenn es dann Verführung gar zur Kunst ist, ist das dann nicht die Königsdisziplin? Ich liebe Bücher und bedarf einer Verführung zum Lesen eher nicht. Aber ich weiß Verführung zu genießen. Vor kurzem war ich zum ersten Mal im BuchHaus Loschwitz, und dass ich da erst jetzt war, war ein großer Fehler: Es ist berauschend, wenn man auf so kleinem Raum vor solch Regalen steht! Fast jedes Buch verführt zum Lesen. Die Auswahl ist so fein getroffen, dass ich nicht mehr zu unterscheiden in der Lage bin, ob mich die Bücher dort in ihren Bann ziehn, weil sie genau so sind, wie ich die Bücher mag, oder weil ich in diesem Laden mich nach kurzer Zeit erkannt und aufgefangen fühle. Es ist Magie. Und der Beweis, dass es nicht großer Ketten und tausender Quadratmeter bedarf, um einen Buchladen besuchenswert zu machen. Buchläden zwischen den Extremen “feine Auswahl” und “aus Verzweiflung alles” mögen Schwierigkeiten haben. Der gutsortierte kleine aber hat noch Zukunft. Wenn wir ihn nur nicht übersehen. Buchhandlung des Jahres übrigens, sehr, sehr zu recht.

Schwerer zu übersehen ist “Lesen!” von Elke Heidenreich. Was ich von ihr und auch von diesem Reich-Ranicki in den letzten Wochen um den Eklat beim Fernsehpreis wahrgenommen habe, war erfrischend – nicht immer fand ichs überzeugend, nicht immer ganz vernünftig und durchdacht. Dass sie mit ihrer Sendung aus dem gebührenfinanzierten Fernsehn rausgeflogen ist, empfind ich als Gebührenzahler als eine Frechheit und Dummheit der Gebührenfresser, aber seis drum, ihr Neustart lässt mich hoffen. Nun ihre zweite Sendung schon an neuem Platz, auf litCOLONY.de – diesmal für mich nicht so überzeugend wie die erste dort, was solls, man kann sie alle sehen, in recht ordentlicher Qualität, wenn es der Zugang und der eigne Rechner leisten. Wär nett, wenn es die Sendungen direkt zum Download gäbe, denn die Teledumm hat es in Dresden noch immer nicht geschafft, an allen Orten DSL zu bieten. Alles, was man auf dem Computerbildschirm zu sehen bekommt, lässt sich doch ohnehin auch speichern (man muss nur wissen wie, und es ist nicht komfortabel) – es wäre nur schön, wenn nicht so oft die normalen Nutzer davon ausgeschlossen würden. Naja, jedenfalls erfrischend, diese Heidenreich, ich mag ihre Art, und wenn sie mir manchmal zu tüddelig wird, so bleibt doch immer dies: die spricht ihre Texte noch aus dem Kopf. Oder aus dem Herzen. Jedenfalls weiß die noch, was sie uns sagen will. Und das genieße ich. Und mir ist wurst, wenn sie dann mittendrinne doch mal auf ihren Zettel schaut und wenn sie noch die aktive Kamera nicht findet, die Frau redet ohne Punkt und Komma und ist begeistert und sie will begeistern. Kritik ist etwas anderes, das sagt sie selbst, Kritik kann amüsant sein, aber verführen wird mich immer eher die Empfehlung, wenn sie so herzlich ist.

18. Dezember 2008, 08:30

17.
Dezember
2008

Schlaflos am Schlepptop

Schier platzt der Kopf, wach lag ich in Gedanken, versunken nicht in Schlaf. Ich kann zur selben Zeit immer nur eine Idee in Worte zu fassen versuchen, das ist ein Problem. Zumal so ein nachts gebackener Gedankenfilz beträchtlich mehr Enden hat als eine Wurst, und jedes Ende könnte sich als Anfang erweisen… Lang hab ich mich vom irrwitzigen Wunschtraum treiben lassen, dass solcher Filz entwirrbar sei, dass das Ideengeflimmer sich vereinen ließe zu einem klaren Ganzen. Dies Ideal ist nicht Vergangenheit, doch habe ich beschlossen: Ich lass mich nicht mehr davon hetzen. Was sehr konkret bedeutet, Gedankensplitter wieder loszulassen, bevor ich sie für reif befinde. Statt Hefte damit anzufüllen, die keine Volltextsuche kennen und deren einzig Echo das allerdings geliebte Kratzgeräusch der Feder ist. Und: Der Papierkorb ist nur einen Klick entfernt.

17. Dezember 2008, 07:43

08.
Dezember
2008

Roh(r)bruch

Rohrbruch, das System hat einen Schaden, ob es nur der Dachschaden einiger Möchtegerns ist, bin ich noch nicht sicher. Und manche Dinge will ich nicht genauer wissen: Noch roh nur schnell rausgebrochen, weg damit und aus den Augen.

Gespannt bin ich nur, welcher überbewertete Berufsstand sich nach den Bossen und den Bankern demontieren wird. Vielleicht die Automarkenhalter, jedoch sind die schon lange nicht mehr ernstzunehmen, seit sie vor ein paar Jahren vom Ende jenes Auto-Booms östlich der alten Mauern gänzlich überrascht in dicke Tränen ausgebrochen sind.

Die Rezession. Zunächst war ja beschwörend noch die Rede vom Ruhe bewahren, und eine sorgenvolle Frage wurde schon mal als Panikmache tituliert. Wäre ja auch dumm gewesen, wenn ein ganzes Volk seine niedrig verzinsten Sparsäckel hätte leeren wollen. Jetzt, wo weltweit die Börsenzocker so weich geworden sind in ihren Birnen, dass fast jede Aktie dramatisch unter Wert zu haben ist, da braucht man doch das Barvermögen, für den Reibach. Denn das Dumme an dem großen Clou ist, dass kaum mehr jemand Geld verleiht. Naja, wir Steuerzahler sind da nicht so, ein paar Milliarden geben wir doch gerne. Und damit auch alle begreifen, wie wichtig es ist, in diesen kalten Zeiten wärmend Steuergelder zu verbrennen, stehen nun die gleichen Wirtschaftskennertypen, die noch vor ein paar Wochen alles Panikmache nannten, da und allenthalben schallt es “Rezession!”

Was ist das überhaupt, so eine “Rezession”? Das Wort kommt von lat. recessio, vom Zurückweichen also, vom lateinischen Verb re-cedere. Das Vertrauen in was auch immer bricht zusammen, das große Seifenblasenplatzen, plötzlich weicht jeder und alles zurück, und dann stehen sie da und reden von “rückläufiger wirtschaftlicher Entwicklung”. Sie, die in etwas bessren Zeiten stattdessen nur “Abschwächung der Konjunktur” beweinen. Das hab ich so für mich bisher immer mit “Abschwächung des Wirtschaftswachstums” übersetzt und mich über die wortklaubenden Schönschwätzer aufgeregt.

Die angebliche Rezession ist mir in Wahrheit wurst (hab eh kein Geld, um jetzt zu investieren), also les ich unter “Konjunktur”, und muss mich revidieren: Es ist ja nur eine “Wirtschaftliche Gesamtlage von bestimmter Entwicklungstendenz”. Nix von Wachstum, dem Wirtschaftsdogma, das mir noch niemand begreifbar machen konnte. Ich lese, dass “Konjunktur” wohl seit dem 17. Jahrhundert als Fremdwort für “Lage der Dinge” verwendet wurde, seit dem 18. Jahrhundert dann auch kaufmännisch, und es entspricht lat. coniunctio, ist eine Bildung zu lat. con-iungere für “verbinden”. Wirtschaft und Verbinden, das klingt logisch, seit Filz, Bestechung, Mafia vornehm “Netzwerk” zu nennen opportun geworden ist. Aber, ha, es kommt viel ärger: Eine coniunctio stellarum, die Konstellation der Sterne ist Urahn, die Verwendung des Wortes “Konjunktur” entstammt… der Astrologie!

Dem wäre nichts hinzuzufügen. Außer, dass man es doch eigentlich schon immer wusste. Und auch das ist wortgeschichtlich nachzulesen: das Wort vom Wucher stammt vom althochdeutschen wuochar – für Frucht und Nachwuchs, für Gewinn. Aber bereits im Mittelhochdeutschen, also zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert bekam es den abwertenden Geschmack unverhältnismäßig hohen Gewinns aus ausgeliehenem Geld. Niemand kann behaupten, vom Giftquell nichts gewusst zu haben.

8. Dezember 2008, 07:45

25.
August
2008

Spätsommernächte

Das Rumoren da unten der Stadt glich dem fernen Stampfen eines Ozeanriesen, und der Wind spielte im dunklen Laub ein Lied vom Meer. Die satt und sonnenhart gewordnen Blätter in den Wipfeln aber befreite erst der Regen von des Tages Staub. Wie aus dem Nichts kamen die ersten Tropfen, und bald darauf verschlang des Wassers Prasseln jedes andere Geräusch. Spätsommernacht meiner Kindheit.

Spät wird es Nacht hier unten, inmitten der Stadt; durchbrochene Stille. Ein fernes Lachen. Ein Vogel, erschrocken vom Traum. Ein Auto, irgendwo kreischt eine Katze, und einer dieser furchtbaren Rolladen surrt in Schlafposition. Ein Schwung später Kneipengänger zieht disputierend vorbei, noch ein Auto, dann Ruhe. Schließlich schlurft wer nach Haus, mit Hund, der im beginnenden Regen sich das Nass aus den Haaren schüttelt, während der Schlurfende den Schlüssel sucht. Tausend Geräusche huschen durch die Nacht, die Stadt scheint im Schlaf zu ächzen und stöhnen, als träumte sie schlecht.

Und ich liege wach und suche nach Lethe, dem Strom des Vergessens, der mir im gleichförmigen Rauschen des Spätsommerregens der Kindheit erschien und das Flirren des Tages mir nahm wie dem Blattwerk den Staub.

25. August 2008, 08:33

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