Leonardos Fahrrad? jörns notizen

24.
Juni
2008

Suche im Anfang

Auf jenem leeren Blatt, über dem die Tinte in der Feder trocken ward, gaukelte Gestrichel, wirre Knäuel woben sich durchs Weiß. Mühsam wich Staccato der Gedanken einem Strömen, wie feines Rinnen warmen Frühlingsregens.

“Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.”

Manchmal klammern sich mir die Gedanken aus Erinnerung an einen solchen Faden, der im Kreis zu führen scheint und dennoch Aufbruch heißt. Das erste Wort nach langem Schweigen oder Streit, der erste Laut, der eine Stille bricht. Gelandet bei Johannes, werd ich das Wort vom Wort im Anfang nicht mehr los. Und gehe suchend aus, mich vom Gedankenkreis zu lösen, dem Anfang hinterher. Und finde mich alsbald auf einem Rundweg von ungeahnter Weite.

Die Parallele zum Alten Testament ist offenbar und oft bekundet. “Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…” Ich zwischenlande bei Albrecht Beutels Buch “In dem Anfang war das Wort”, darinnen er Luthers Sprachverständnis in einer Verknüpfung von Auslegungsgeschichte und Textanalyse beleuchten will und ihm dies auf eine mir angenehm lesbare Art gelingt (1991 bei Mohr Siebeck erschienen. Fast schon ein modern verlinkter Text, mit seinen unzähligen Anmerkungen und kommentierten Quellhinweisen, die, jeweils auf der selben Seite, zuweilen mehr Raum als der eigentliche Text einnehmen – für weniger Geblätter und ein sehr staubarmes Lesen.)

Vom Sinnen über “Im Anfang” versus “Am Anfang” geraten die Gedanken über lat. “in principio…” hin zur Etymologie des Worts “Prinzip”. Dass sich “das Erste” zugleich als Träger grundlegender Bedeutung erweist, ist nicht überraschend; der Grundstein wird zuerst gelegt. Aber bleibt die Frage, wie es zur laxen Variante “prinzipiell” gekommen ist: wie leicht bekräftigt sichs dahin “Im Prinzip ja…”, ohne dass dabei der Gedanke an ein konkretes Prinzip nahe wäre. In der Wikipedia ist es eine Mischung aus “Volksfrömmigkeit und Aberglaube des Mittelalters”, die als Quell vermutet wird. Dass Mose und Johannes, in Latein verlesen, mit ihrem gleichen Anfang von magischer Wirkung schienen, scheint mir plausibel. Besonders, da ich auch jener etymologischen Deutung des “Hokuspokus” zu folgen geneigt bin, die es als Missverständnis der das Abendmahl einleitenden (und zumindest in vorreformatorischer Zeit noch unangefochten mit dem Wunder der Transsubstantion verbundenen) Worte “Hoc est corpus meum” erklärt. Leider ist dort die Quellenlage nicht eben üppig, immerhin wird ein Weiser Richtung 14. Jahrhundert spendiert, mit den “Canterbury Tales” von Geoffry Chaucers, in denen “in principio” tatsächlich karikierend verwendet ist…

Und dann das bei Johannes so wundersam mit Gott und dem Anfang verwobene Wort, “In principio erat verbum, et verbum erat apud Deum, et Deus erat verbum. Hoc erat in principio apud Deum.” Logisch, dass auf dieser Suche alsbald das griechische Original gegenwärtig ist, mit “logos”, dem Wort, das die Verfasser des Johannesevangeliums an den Anfang setzten, und das mit “verbum” nur sehr eingeschränkt beschrieben ist: Wort, Grund, Rechtfertigung, Vernunft, Gedanke, Seele, Wille, Sprache… während die Phantasie noch ganz benommen um dies “logos” kreist, stolpere ich, rechtschaffen überrascht, über den Faust von Goethe, der mir zur Schulzeit fast vergällt gewesen und später ob manch stolperiger Verse Fragen aufwarf. Ganz nahe bei den wohlbekannten Zeilen “Vom Eise befreit…” schreitet Faust, mit Pudel, nach Offenbarung suchend. Der Pudel ist schon unruhig, sucht die Geister zu verbellen, denen bald Mephistopheles’ Erscheinen folgt (worauf der Satz fällt von “des Pudels Kern”). Und Goethe schickt zuvor den Faust noch auf die Suche im Neuen Testament:


Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen,
Geschrieben steht: “Im Anfang war das Wort!”
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Wobei dem Goethe dieses Suchen in die Luft gelegt gewesen sein mag von Johann Gottfried Herders Sinnen über das Johannesevangelium. Der in seinen “Erläuterungen zum Neuen Testament” übersetzen mag in “Gedanke! Wort! Wille! Tat! Liebe!” und übrigens ein Stück zuvor ein Menschenbild andeutet, das ich mir gerne überstreife wie einen altgeliebten Mantel: “Was wissen und begreifen wir vom Wesen des Unendlichen, des Unerforschten? […] Wir schwimmen im Raume und in der Zeit; sind also auch mit lauter zerstückten Ideen [….] umschränkt: all unsere Vorstellungen sind Teilbegriffe, schwache, dämmernde Eindrücke von außen, die uns wie in einem tiefen Schlafe nur von Seiten wecken und beleben: der Funke der Gottheit, das innere Ich wird uns nie ganz lebendig.”

Schließlich sehe ich mich wieder am Anfang stehen. Oder “im”, “in dem” Anfang? Und dieser ists nicht selbst, sondern im Deutschen ists die Qual der Wahl zwischen den Wörtchen “im” und “am”, dem ersteren hat Luther einst den Zuschlag geben wollen und gab unserem “im Anfang” den vertrauten Klang, zumindest bei Johannes, “Im Anfang war das Wort…”. Gefühlt ist mir das nahe, wohl nicht nur aus Gewohnheit, sondern weil auf diese Weise der Anfang weniger als Zeitpunkt denn als Zeitraum wirkt. Aber dann hab ich bei Martin Buber auf jene Frage nach “im” oder “am” noch eine Sicht gefunden, die es ganz nah bei Herder und dem Goethe fassbar macht: Dass nämlich Gott IM Anfang schafft, nicht irgendwann am Anfang, nicht irgendwo, er schafft in UNSREM Anfang. Wo wir beginnen, dort ist er da und hält mit seiner Kraft, was unser kleines Menschenherz nicht mal im Traume schafft. Im Anfang war Gott.

24. Juni 2008, 22:19

10.
Mai
2008

Eine Fahrt ins... Gelbe?

Es fängt immer ganz harmlos an. Frühlingsmorgen. Duftes schwanger ist die Luft, heraußen sonnen sich die Tulpen in rot und gelb, und Traubenhyazinthen stehn dazwischen, blau leuchtend, und darüber in zartrosa-weiß Tränendes Herz. Der Flieder birst vor Blütenlaune, das Obstgehölz steht da in weißer Pracht, von allen Seiten summts und brummts von Bienen und von nektartrunknen Brummelhummeln, die regennasse Straße ist mit weißen Blütenblättern tapeziert. Der Frühling probt den Sommer.

Ausgeflogen also, vor die Tore, hinaus ins Blaue, nichtsahnend, und… der Raps beginnt zu blühen. Blühender Raps macht mich so melancholisch. Blühender Raps hat sowas flirrendes, sowas von Sommerhitze. Blüht der Raps, dann sehe ich im Gelb der Felder einen Malstrom, der den Frühling frisst. Ich will auf andere Gedanken kommen. Also, das Gelb… Und dann passierts: Wir fahren doch eigentlich ins Gelbe, heute jedenfalls; das Blau ist fern und gleißt sich etwas mühsam durch den Dunst am Horizont.

Warum fährt man “ins Blaue”? Der Flachs. Angeblich. Das Blau am Horizont, es hätte mir gereicht als eine Erklärung für die Fahrt ins Blaue, aber die der flachsbedeckten Felder, sie gefällt mir besser. Nicht so sehr des Flachses Blüten wegen, die sind uns gar nicht gegenwärtig, obgleich es ein schönes Bild ist, flachsblaue Felder vor den Toren, statt dieses Quietscherapsgelbs überall. Flachs bringt mir das Rad im Kopf zum Laufen, das Spinnrad, lenkt mich ab vom Rapsmalstrom.

Und der Faden quillt und quillt und spleißt und quillt mir über, wie so eine aufgesprungne Baumwollfrucht. Baumwolle, die den Flachs beerbte als Lieferant der Weberei. Baumwollne Laken nun, wo vorher Linnen gilbte. Das Gelb lässt mich nicht los. Flachs ist Lein, und schon sehe ich in goldnem Gelb das Leinöl in der Apernmauke einen Bergsee bilden. Apernmauke ist Kartoffelmus, Apernmauke mit Leinöl und Quark ein Oberlausitzer Grundnahrungsmittel, und wem das Leinöl nur nach Firnis riecht, der mag mir bitteschön seine Portion abgeben. Und das, obwohl ich nur ein Zugereister, gelegentlich, und erst recht spät auf den Geschmack gekommen bin. Rapsöl schmeckt vergleichsweise nach nichts. Dafür leuchtet Raps intensiver. Aber ich will nicht herumflachsen, wie die alten Spinnerinnen.

Ich suche den Ursprung jeder Fahrt ins Blaue, such die Wurzel in der Sprache. Und finde blau und gelb verwandt, mit gleißen, gitzern, schimmern. Und mit grün, wenn dies auch nicht im Deutschen, weil grün nun wieder von so einem dieser wunderbaren Verben herstammt, die leider, leider untergingen und vielleicht deshalb so warm und derb und voller Kraft in meinen Ohren klingen: althochdeutsch gruonen, für wachsen, sprießen.

Und lande bald bei grün und blau in verschiedenen Sprachen, wo ich zum ersten Male lese, wie unterschiedlich wir auch in Bezug auf Farben in unseren Empfindungen und Wahrnehmungen geraten sind. Viele Sprachen werfen blau und grün in einen Topf – oder unterscheiden diese Farben nicht so vordergründig, wie es uns Gewohnheit ist.

Und so finde ich mich bei einem Thema wieder, das mich schon so lange Zeit umtreibt und durch diverse Wälzer durch, und dem ich wegen meiner eigenen Verwurzelungen so schwer nachfühlen kann: Was macht Sprache mit mir? Wie befangen macht sie mich? Ich vermeine, sie als Werkzeug zu benutzen, und doch ist da das Erleben, dass ich auch ein Produkt der Sprache bin, in der ich denke. Vom Genus der Dingwörter (der Mond, die Sonne versus la luna und il sole) über mir geläufige Zeitformen der Verben zu geliebt-gewohnten Zweigen der grammatikalischen Struktur, und eben immer wieder die unterschiedlich intensiven Unterscheidungen von Details, nun also auch die Farben. Ein blüner Ozean tut sich da auf, und eben jener Artikel aus der ZEIT lässt mich zugleich über den Sinn von Wegen sinnen, auf denen man natürlich immer Hase ist; der Igel war schon da: ich will die Furche selber gehen und will die Krumen alle selbst erleben, für mich. Das erdet.

Vom Hundertsten zum Tausendsten, der Frühling trieb auf eine Fahrt ins Blaue, und zwischen leuchtend gelben Feldern kehr ich unter abendrotem Himmel heim, den Kopf voll Sprachgewirrs und wirren Denkens um die Sprache, die nicht nur Wörter ordnet, auch Bildersprache sein kann oder jene der Musik, es ist doch alles Sprache, und kehr ich heim zu dem Bewusstsein, dass wirklich Neues oft so sehr ums Leben ringt, weil es sich eine neue Sprache sucht, die nicht gewohnt, geläufig, nicht so leicht empfunden ist. Und bewahre mir den Glauben, dass, so alt und angewöhnt auch eine Sprache sein mag, wenn sie nur nicht zu simpel ist, doch wirklich Neues auch in dieser alten Sprache wachsen kann. Und bin wieder mal bei der Frage, was mir das Größere ist, auf alten Pfaden Neues zu suchen, oder für Neues neue Wege zu konstruieren. Und lande beim Gefühl. Bei dem der Müdigkeit. Ein gelber Malstrom reißt mich in das Reich der Träume.

10. Mai 2008, 21:52

19.
April
2008

frag mente

manchmal hat es keinen sinn, noch nachzusinnen; verstand verstopft. fragmente in la mente, müll, gedankenschnipselschwachsinn: hats mühlrad wieder oberwasser, dann ist es weithin unter wasser, und der wassermüller hat seinen kanal so voll, dass er bald satt zu essen hat. oder: der wegweiser da, wenn er den weg nicht weiß noch weist, weist er schlichtweg nur weg, oder? und: kalte kerzen kann man auslassen, kaltes fett dagegen nicht. sich darüber auszulassen lässt nicht automatisch ausgelassen werden. tucholsky empfiehlt für solche fälle den papierkorb. der fortschritt spendiert mir stattdessen das weblog. vielleicht sollte ich es weglog nennen… sag jetzt nichts, sagte das kaninchen zur schlange, ein wort kann alles zerstören. ja, sagte die schlange.

19. April 2008, 20:34

01.
April
2008

wende blatt

ein blatt, das sich gewendet hat
wie mans auch dreht und wendet
bleibt einerseits das alte blatt
obschon es oben blendet

was andrerseits nicht gleichsam heißt
dass jedem weißen strahlen
nur falsches licht so helle gleißt
schwarz weiß zu übermalen

doch wenns von erster seite quillt
mit lettern, großen, fetten
zementgleich zwischenzeilen füllt
ists blatt nicht mehr zu retten

1. April 2008, 07:33

30.
März
2008

Nach Ostern vor Ostern?

osterstrauß

Pünktlichkeit ist keine meiner Stärken. Dass sich der Osterstrauß gehalten hat liegt aber daran, dass wir die Feste feiern wie sie fallen – und nicht mit Supermärkten. Mitte Januar stand ich mit heißem Hunger zwischen den Regalen und sah die Silberfolien blitzen. Gefühlte Unterzuckerung, schon ließ mich pure Gier auf billig nachgeworfne Weihnachtsrestbestände hoffen, ich stand davor – doch irgendwas war falsch. Ich brauchte wirklich mehrere Sekunden, bis ich begriff: das waren Schokoladenosterhasen. Im Januar! Irgendwann ist alles eine Soße. Sehr fließbandfreundlich, das ganze Jahr der selbe Schnee. Wo doch der echte ohnehin nicht mehr recht fallen will. Die Christbaumkugeln werden eierförmig, und Osterhasen im Weihnachtsmannkostüm hab ich im letzten Jahr bereits gesichtet. Und diese meine Leier wiederholt sich auch ein jedes Jahr – vielleicht ist ja nach Ostern wirklich nur noch vor Ostern?

30. März 2008, 12:08

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