08.
Juli
2013
Frust-Ration
Im Dezember 1989 befand ich mich plötzlich in einer sehr schrägen Situation, als einer der vielen Besetzer von Dresdens Stasi-(resp. Nasi-)Zentrale. Die Nachricht von der Besetzung durch Dresdner Bürger hatte sich angesichts der ohnehin explosiven Lage wie ein Lauffeuer verbreitet. Im Gelände der Stasi-Zentrale war es noch notdürftig überschaubar, freilich Freund und Feind nicht wirklich zu trennen, draußen brodelte der Volkszorn, auch dort Freund und Feind schwer zu scheiden – nur eines schien klar: bei einer unkontrollierten Stürmung würden die Stasi-Mitarbeiter Gelegenheit haben, noch mehr Akten verschwinden zu lassen.
So standen viele Bürger drinnen am Tor und versuchten, die Bürger draußen von einer Stürmung abzuhalten und dazu anzuhalten, sich tags und nachts geordnet an den Wachen im Gelände zu beteiligen.
In dieser eben schrägen Situation, ein verhasstes Gelände vor überkochendem Ärger Gleichgesinnter zu schützen, sah ich dort am Tor mich einem Menschen gegenüber, der wutschnaubend schrie, man habe ihn vierzig Jahre lang betrogen.
Ja, bitte, wie blind können Menschen sein? Das erstaunt mich immer wieder. Und es frustriert mich stets aufs Neue.
Warum bedurfte es des großen, persönlichen Opfers eines Snowden, um die wahren Schattenseiten des Internet ins öffentliche Bewusstsein zu rücken? Okay, nennen wir es Aufmerksamkeit. Für die Diagnose von öffentlichem Bewusstsein ist es noch zu früh.
8. Juli 2013, 22:02
23.
März
2013
Szä komon Längwitsch off Szaints - Listen Albert Einstein
Bin via Lera Boroditsky bei einem Open Culture Artikel gelandet – und höre, fassungslos, O-Ton Albert Einstein.
Nie hätte ich diese weiche, herzenswarme Stimme für die Albert Einsteins gehalten, aber auch nie ihm einen so grauenvollen Akzent zugetraut, der einen zwischen Weinen und Lachen gefangenhielte, wäre da nicht eben diese Güte in seiner Stimme. Und ein bisschen meine ich auch jenen Dialekt herauszuhören, den ich von meiner geliebten Potsdamer “kleinen” Oma noch im Ohr hab, leicht lispelnd, mit dieser wohltuend entschärften Fassung knackig-schnoddrigen Berlinerns…
In seiner kleinen Radio-Rede “The Common Language of Science” streift Einstein Aspekte der Entstehung menschlicher Sprache, reflektiert kurz über das Verhältnis zwischen Sprache und Denken, und landet schließlich beim Thema Wissenschaftssprache. Inhaltlich kein Wow-Effekt, wenig Tiefe, schwache Schlüsse. Man mag ihn daraus nicht zitieren, weil die wenigen dafür tauglichen Sätze in kein Mehr eingebettet sind.
Dennoch ein Zitat, “Perfection of means and confusion of goals seem — in my opinion — to characterize our age.” Nun bin ich gewiss nicht der Meinung, dass unsre heutigen Mittel und Wege an Perfektion grenzten. Aber ich vermisse den Willen, klare Ziele zu definieren. Vielleicht ein von Lobbyismus und Korruption getriebener Mangel an Ehrlichkeit, vielleicht Angst vor unserer Unkultur im Umgang mit dem Scheitern, in vielen Fällen befürchte ich schlicht dumme Ahnungslosigkeit als Ursache. Man läuft schon mal los, das Ziel wird sich finden, je nach Wetterlage und Windrichtung.
P.S.
Eine deutschsprachige Fassung, augenscheinlich ein Entwurf für diesen Radio-Beitrag, findet sich hier im Einstein-Archiv. Einsteins Handschrift. Ich finde es interessant zu ahnen wo er innehielt, wo und wie er an der Formulierung bastelte, und welche Gedanken ihm augenscheinlich ohne Zögern aus der Feder flossen.
23. März 2013, 23:05
23.
März
2013
Wissenschaft und Sprache
Ist Wissenschaft der Sprache mir tausend Male lieber als Sprachen der Wissenschaft es mir je werden können, müsste sich der Boden unter mir als Programmierer (und meinen Wurzeln nach auch Mathematiker) nicht auftun? Nein.
Die Linguistik befasst sich mit einem Phänomen, das unseres Verstandes ebenso bedarf wie es ihn prägt. Wissenschaft ist der beständige Versuch einer Näherung, Wissenschaft kann spannend sein. Die Wissenschaft der Sprache ist es allemal.
Mit Wissenschaftssprache assoziiere ich dagegen wenig Positives.
Zunächst denke ich an weltfremde Begriffswelten. Abstraktionsorgien, in denen mit Begriffen jongliert wird, die genau zu fassen kaum einer sich bemüht. Komplexe Zusammenhänge ließen sich ohne unzulässige Vereinfachungen nicht darstellen, tönt es naserümpfend über Versuche allgemein verständlichen Formulierens, aber zugleich wird die beackerte Komplexität pragmatisch heruntergebrochen auf das mit dem geschaffenen Formelapparat Fassbare.
Etwas milder schaue ich auf die Formelsprachen der Mathematik, der Algebra insbesondere, aber auch hier finden sich aufgeblasene Abstraktionsballone, die einen wahren Aufstieg kaum überstehen würden – und vielleicht gerade deshalb mit so viel unnützem Ballast beladen sind.
Programmiersprachen stimmten mich beinahe wieder milde; in ihrer zuweilen einfältigen Vielfalt und mit all den religiös anmutenden Streitereien dahinter, wenn nicht die Programmierer-Gilde sich ausdauernd als menschenfern beweisen würde. Vielleicht sollte Informatik als wesentliches Element ein Grundstudium der Linguistik enthalten?
23. März 2013, 20:49
12.
März
2013
Schwarzer Rauch, weißer Rauch...
Da sind sie nun in ihren Kammern mit sich und Gott allein. Sie haben sich zurückgezogen und sind, wenn alles seine Ordnung hat, getrennt von dem Gedröhn der Welt. Beneidenswerter Zustand. Wie sie in diese Position gekommen, scheint außerhalb des Traums von demokratischen Prozessen. Sie sind ernannt von einem Papst, und haben nun aus ihren Reihen einen Papst zu wählen. Sie mögen miteinander handeln, Kompromisse suchen, strategisch denken oder mit dem Herzen tun. Am Ende wird der weiße Rauch den neuen Papst ankünden, und dieser eine hat sodann das letzte Wort, stellvertretend freilich. Mir als Lutheraner und zuweilen an unserer repräsentativen Demokratie Zweifelndem müsste die Papstwahl vielleicht ein bisschen suspekt sein. Aber nein. Ich stelle fest, dass ich sie als ehrlicher empfinde als alles, was sich derzeit gerne “demokratisch” nennt.
12. März 2013, 21:24
23.
Januar
2013
Wortlust gegen Wortverlust
Bin via Lera Boroditsky bei den Wortsammlern der Wayne State University gelandet, die dort eine lange Liste liebenswerter Wörter pflegen, damit diese nicht verlorengehen. Fein beschrieben, stöbernswert.
So sehr manch weltmännisch gedachte Formulierung in jämmerlichem Denglisch endet, die wiederkehrende Warnung vor Anglizismen ist nicht minder albern. Was unsere Sprache wirklich an Qualität verlieren lässt, sind nicht hinzukommende Fremdwörter, sondern leichtfertig aus dem Alltagsgebrauch genommene Wörter. Es gibt keine Synonyme identischer Bedeutung. Und dennoch gehen so viele Alternativen verloren…
23. Januar 2013, 21:14



