Leonardos Fahrrad? jörns notizen

08.
August
2006

Phlox

Der weiße Phlox, die Flammenblume, stand ausgebrannt von Sommers uferloser Glut, strohgelb die Blütenkronen, statt leuchtend weiß das Licht des Tages bis in die Dämmerung zu tragen… beinahe hätte ich ihn seines Blütenstrohs beraubt, hätt die verlornen Blütenträume vorzeitig aufgegeben – da kam der Regen über Nacht, er zündete ihm neue Pracht; das weiße Blühn erwacht zu neuem Leben.

8. August 2006, 08:51

05.
August
2006

Ich träume

eigentlich nur angenehme, schöne Träume – wenn es mir schlecht geht. Dem Umkehrschluss nach bin ich grade irgendwo im siebten Himmel. Zur Zeit träum ich Bedrückungen und Chaos. Verworrenes Zeugs, zu meinem Glück meist so verworren, dass ich zwar schweißgebadet hochschnelle, aber sofort lachen muss. Und diese Dinger kehren immer wieder.

Das würde ich für solche Träume gerne abstellen. Denn irgendwann fangen sie an, mich zu nerven. Geht aber nicht. Früher funktionierte sowas. Als Kind konnte ich auf Bestellung träumen, und in Fortsetzungen. Das klappte nicht jede Nacht, aber im allgemeinen schon. Mit den ersten feuchten Träumen ging mir diese Fähigkeit zu meiner damals großen Verzweiflung verloren. Damals hatte ich in jedem Traum die latente Gewißheit, es sei nur ein Traum. Auch das ist leider passè. Nur dies ist noch übrig: bin ich mir einmal bewußt, dass es ein Traum ist, dann werd ich wach, sobald ich’s will. Das verdanke ich einer Überlegung aus Kindertagen. Mir träumte es damals höllischen Alpdruck, und ich konnte zwar seine Wiederholung eindämmen und mir andere Träume wünschen, aber jede Nacht kam ein völlig neues Szenario des Schreckens dazu. Ich litt, obgleich ich wußte, dass ich träume. Ich konnte damals in meinen Träumen bereits auf Bestellung fliegen, nicht aber in Situationen des Grauens. Und da kam mir der rettende Gedanke: wenn ich doch tags und halbwegs wach mit offnen Augen diese schließen musste, um in den Schlaf zu finden, so müsste umgekehrt ich aus dem Reich des Traums mich retten können, indem ich dort desgleichen diese schloss. Darauf zu kommen, war nicht ganz leicht, denn da ich wußte, dass mir träumte, wusste ich ja auch, dass ich noch schlief, also meine Augen eigentlich geschlossen waren. Darum hatte ich zunächst Rettung darin gesucht, meine Augen weit und weiter aufzureißen. Doch so funktioniert es: nur im Traum die Augen zu, und ich bin wach.

In den letzten Wochen träumte ich recht widersinnig von Blackouts durch den Beleuchter. Meist aus dem Halbdunkel Cherubino höhnend – doch wenn das volle Licht mich trifft, geht mir der Text verloren. Ein beflissener Beleuchter läßt mir den Kegel seines Lichts auf jedem meiner Schritte folgen, vom Licht gejagt versuche ich, die Handlung nicht vollends zu zerstören, doch Flucht ist unabdingbar, sonst droht Blackout. Manchmal höre ich in diesem blöden Traum im Saal schon düsteres Rumoren… Letzte Nacht kam nun die Ablösung, aber ob sie auch erlösend sei, ist sehr, sehr fraglich. Weil ich über Goethe hergezogen bin, werde ich vor einem Tribunal dazu verurteilt, den Faust abzuschreiben. Wie so ein Pennäler, der hunderzwanzig Male schreiben soll: “Ich darf nicht…” Nur eben den Faust, den ganzen. Und dann sitze ich da, mit Federhalter, und schreibe den Faust ab, auf Klopapier. Noch jenes feste, graue, mit Zeitungsschnipseln drin, aus Zeiten, da West und Ost noch eine Mauer teilte. Ständig muss ich die Patronen wechseln, weil es sich schreibt wie auf einem Löschblatt. Und immer, wenn die Feder das Papier zerreißt, muss ich von vorn beginnen, mit einer neuen Rolle. Ich könnte mir um meinen Zustand ernsthaft sorgen machen. Aber, siehe oben, eigentlich lässt sich nur schließen, dass es mir grade sehr, sehr gut geht. Und wenn ich’s recht bedenke, stimmt das ja auch.

5. August 2006, 09:15

04.
August
2006

Blaue Finger

Dies wird keiner meiner dilettantischen Versuche, Empfundenes in Wort zu fassen. Es ist schlichtweg eine Feststellung: ich kriege immer blaue Finger, wenn ich mal zum Federhalter greife und ein paar Zeilen zu Papier bring. Und noch etwas. Die Rechtschreibreform muss von Menschen auf den Weg gebracht worden sein, die des Schreibens mit Federhalter nicht kundig sind. Okay, das könnte man jetzt auch von mir annehmen, so blau, wie meine Finger sind. Doch schreib mal einer einen Text mit lauter ‘dass’ per Federhalter – elende Stolperei. Das gute, alte ‘ß’ sieht nicht nur eleganter aus, es schreibt sich auch besser. Aber, ich vergaß, ich bin in Deutschland: es geht hier darum, recht zu haben. Und gute Medizin muss bitter sein, natürlich.

4. August 2006, 08:19

31.
Juli
2006

Durst

Ich habe Durst. Mich dürstet nach Dir. Nach Liebe, Leben, Musik, Bildern und Worten. Vor Dir, oh Herr, wird alles eins. Ich habe Durst, schon wieder. Ich bin ein bodenloses Fass. Gebirgsbäche lässt Du stürzen, oh Herr, in mein unstillbares Verlangen. Ich bin ein bodenloses Fass, ohne Deinen Halt sprengte es mich vor Glück. Mich dürstet.

31. Juli 2006, 08:20

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