Leonardos Fahrrad? jörns notizen

Das ist doch keine Kunst? Was dann? Was, bitte, ist das, Kunst… »

10.
Oktober
2006

Opernregie(rung)

Zum Reizthema Opernregie und Reiz der Provokation aus einem leider wieder mal nicht frei und online verfügbaren Beitrag in der ZEIT, siehe Inhalt 2006/41, von Johanna Dombois und Richard Klein, sie diagnostizieren: Das “Revolutionäre” selbst ist konservativ geworden, durch kraftlose Wiederholung der Protestgebärde abgespielt und vielerorts auf das Niveau heruntergekommen, das man den “Konservativen” glaubt vorwerfen zu müssen. und beklagen mit Blick aufs Publikum: Man sehnt sich nach einer andren Welt, die jedoch die, in der man lebt, in Frieden lässt.

Es tut mir gut, solches in einem Text zu lesen. Nichts ist nur schwarz und weiß; dazwischen liegen statt grauem Grauen graue Töne, und drumherum als Raum die Farben. Jas und Neins, die ganze Boolsche Logik, sie versagen und sind zugleich wahr für jedes kleine Paradox. Ich wünschte mir, wir lernten wieder mehr mit Widersprüchen leben. Dann merkten wir viel öfter, dass es in Wahrheit keine sind.

10. Oktober 2006, 19:28

03.
September
2006

Ist nicht Kultur

zuerst auch die Kultur des Scheiterns? Mich beschleicht der Eindruck, im Blick nicht nur auf Grass und meinetwegen Handke, dass für etwas gerade stehen zu sollen nur allzu oft mit der Intention gefordert wird, am Pranger besser treffen zu können. Auf dass sofort krummgeschlagen werde, was eben grade stehen wollte.

3. September 2006, 11:28

02.
September
2006

Dresden

ist schon eine Liebe wert, und mag Firenze noch so unvergleichlich locken. Was für ein Geschenk, inmitten des Elbsandsteingebirges, in liebevoller Übertreibung auch “Sächsische Schweiz” genannt, zwischen bizarren Gipfeln die Orffsche Carmina Burana zu singen und auf dem Rückweg unter Sternenhimmel eine menschenleere Basteibrücke zu passieren, fast zweihundert Meter über der Elbe, die in wilden Windungen von hier gen Dresden fließt, und rings die Lichterinseln kleiner Dörfer, die sich in die Täler schmiegen… diese Stelle ist so schön, dass sie nur zu nächtlicher Stunde und bei Regenwetter noch wirklich schön, ansonsten aber heillos überlaufen ist. So ergeht es ja manchem wundervollen Ort, gottlob gibt’s immer auch die Seitentäler oder Nebenstraßen, denen oft der wahre, zuweilen ein besondrer Zauber innewohnt. Die Carmina Burana ist mir ein bissel wie die Basteibrücke geworden. Aber ich sing sie gerne, vor allem, wenn sie gut gerät. Immer wieder frag ich mich, warum so selten sich ein neues Werk so etabliert wie dieses. Dass ihre Wirkung nur entstünde, weil sie schlicht genug gestrickt sei, diese Antwort ist mir schlicht zu einfach. Es gibt wahrhaft kompliziertere Musik, die dennoch breite Wirkung hat. Mir scheint, der Medienschock der letzten hundert Jahre hat manch Komponisten zum Hasen deformiert, der auf der Flucht vor allem Dagewesenen aus Panik immer in der selben Furche rennt, durchgeistigte Experimente, allein, der Igel war schon da. Vielleicht ist es aber zu natürlich, dass es nur wenigen gelingt, dem gut durchdachten Neuen eine Seele mitzugeben. Aus Angst, sich zu verlieren im Affekt, Angst, in Effekthascherei zu enden? So wie bei gutem Essen das Auge Anteil haben will am Fest, so wollen alle Sinne Nahrung haben, wenn man musikalisch den grauen Zellen Freude machen will, das zu akzeptieren halte ich für keinen Fehler.

2. September 2006, 22:51

31.
Juli
2006

Durst

Ich habe Durst. Mich dürstet nach Dir. Nach Liebe, Leben, Musik, Bildern und Worten. Vor Dir, oh Herr, wird alles eins. Ich habe Durst, schon wieder. Ich bin ein bodenloses Fass. Gebirgsbäche lässt Du stürzen, oh Herr, in mein unstillbares Verlangen. Ich bin ein bodenloses Fass, ohne Deinen Halt sprengte es mich vor Glück. Mich dürstet.

31. Juli 2006, 08:20

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