Das ist doch keine Kunst? Was dann? Was, bitte, ist das, Kunst… »
06.
Juni
2007
Mascha Kaléko
würde morgen hundert Jahre – leben, warten, sehnen, hoffen, trauern, hassen, lieben? All das, vielleicht, und ganz vielleicht auch wieder dichten. Trotz der Verluste, an Heimat, Sohn und Mann, Gesundheit? In den Endzwanzigern und Dreißigern sprudelt Ihre Verse-Quelle noch, darin im übertragnen und im Wortsinn umgeben von Tucholsky, Ringelnatz, Klabund und Kästner, in der Zeit der Künstler-Cafés in Berlin, und diese Zeit klingt nach und trägt sie wohl noch über die Jahre der Emigration. Hätte, könnte, wollte, was wäre, wenn… wie viele Lebenswege wurden grau und mühsam durch nur ein Dutzend Jahre teutschen Größenwahn.
Auf sie bin ich erst aufmerksam geworden in der jüngsten ZEIT, oder wars die vorvorletzte? Da gab es ein paar Lyrikseiten, und mein Blick hing sofort fest an Ihren Zeilen, so frisch und unverblümt und frech entgegen allen Kunstkunstschwurbels ganz brav im Takt und dazu noch gereimt. Und so diagnostiziert sie selbst: Weiß Gott, ich bin ganz unmodern./ Ich schäme mich zuschanden:/ Zwar liest man meine Verse gern,/ Doch werden sie – verstanden! Ich sag, man mag so etwas mögen oder nicht, die Frage: Was ist Kunst? behält Gewicht.
Mascha Kaléko, derzeit allenorten in den Bücherläden, des Jubiläums wegen. Finden, blättern, kaufen und genießen – bevor sie womöglich wieder für ein paar Jahre ganz vergriffen ist.
6. Juni 2007, 09:30
23.
Februar
2007
Trotzkitsch
Rauhreif auf der Hagebutte
Hut aus Schnee auf einer Putte
Eiskristalle, Kerzenschein…
Schön, Winter kann so kitschig sein
Moment, ist Kitsch denn nicht Geschmiere
Mit Rührungstränen vor der Türe
Was Kitsch ist, ist denn das noch Kunst
Doch bloßes Wollen führt zu Wunst
Mag Winter kitschen, schmieren, kleistern
Dies Kleistern muss man erstmal meistern
Rauhreif auf der Hagebutte
Hut aus Schnee auf einer Putte
Kann als Kitsch man alles schmähen
Oder drin das Schöne sehen
23. Februar 2007, 11:47
02.
Februar
2007
Alles relativ...
Da ich verschiedentlich mich der Behauptung gegenüber sah, ich rede ohne Punkt und Komma und wohl auch ohne Luft zu holen – das ist alles relativ. Spätestens, wenn man für ein paar Minuten Christoph Schlingensief gehört hat:
Wagnersches Chaos – Eine Rede von Christoph Schlingensief über Film, Kunst und den “Parsifal”.
P.S.: Wir haben zwar alle dafür bezahlt, aber die Öffentlich-Rechtlichen müssen ja bislang nach sieben Tagen alles wegschmeißen bzw. unzugänglich machen, was nahezu dasselbe ist. Wenn ich mich nicht vertan habe, ist die Aufnahme wenigstens noch hier bei Youtube zu finden, in jedem Fall illustriert es gut seine Kunst der atemlosen Rede…
2. Februar 2007, 08:16
31.
Januar
2007
Obliando oder Die Kunst des Vergessens
Ach nein, so weit ist es noch nicht gekommen, dass ich meine Vergesslichkeit zur Kunst erklären wollte. Sich zu vergessen, sich in Gedanken zu verlieren, das ist schon eher eine Kunst in diesen Zeiten ohne Zeit.
Einem Tsunami gleich überrollen uns Informationen, jeden Tag und jede Stunde. Englisch ‘information’ kehrt aus Vernunft den Plural untern Tisch und lässt das Zählen sein. Digitale Speichermedien suggerieren, dass verlustfrei alles und für alle Ewigkeit gespeichert werden könne. Dabei ist die Halbwertszeit der neuen Speichermedien lachhaft im Vergleich zum guten alten Buch. Und leichter zu bedienen ist das Buch auch. Aber die durchaus interessante Frage nach dem Umgang mit all der digital gespeicherten Information, hinsichtlich Zugriff und Erhalt, interessiert mich weniger.
Was wird aus einer Kultur, die sich beständig konserviert? Was macht es mit einem Künstler, dieses Gefühl, alles sei schon dagewesen? Es hat manchem Lethargie beschert, des Rettung vielleicht ein Bad gewesen wäre, im Fluss Lethe, dem Fluss des Vergessens. Oder frische Luft, bei einem Gang hinaus, unter klarem Sternenhimmel oder bei düstrem Wolkendräuen. Hintergründig Konstruktionen aus Zitaten bilden und in wildem Eifer neue Formen suchen, ist das der Weg zu neuer Kunst? Führt der Weg in das Schlaraffenland, wo die Ideen nur so zugeflogen kommen, führt er ausschließlich durch den Griesbreiberg vergangener Jahrhunderte, muss man sich wirklich erst durch alles dies hindurchgefressen haben, bevor man den eigenen Ideen trauen darf?
Meine kurze Antwort: Jein. Und auch dies liegt noch daneben. Ich such mein Heil im Schreiben, eine Kurzgeschichte wächst, und der Titel steht nicht fest, jedoch schon drüber, “Obliando oder Die Kunst des Vergessens”. Irgendwann erlieg ich der Versuchung und ich such danach im Web. Und werde fündig, ja, na klar. Ist alles schon mal dagewesen. Und nun liegen da drei Bücher, und mit Harald Weinrich werde ich beginnen, in freudiger Erwartung, “Lethe – Kunst und Kritik des Vergessens”.
31. Januar 2007, 20:52
30.
November
2006
Nicht suchen, finden.
Wenn Theodor W. Adorno das Dilemma der Kunst mit “Kunst will das, was noch nicht war, aber alles, was sie ist, war schon.” zu beschreiben sucht, so rette ich mich zu den Malern, denen ich schon immer unterstelle, sinnlicher zu sein als etwa Dichter oder Musiker. Dort fühl ich mich zu Hause, obgleich ich überhaupt nicht malen kann, in Sätzen wie diesem: “Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet.” von Pablo Picasso, der den Unterschied im Ergebnis so umreißt: “Es gibt den Maler, der aus der Sonne einen gelben Fleck macht, aber es gibt auch den, der mit Überlegung und Geschick aus einem gelben Fleck eine Sonne macht.” Und für Marc Chagall, natürlich, rettet uns die Liebe: “In der Kunst wie im Leben ist alles möglich, wenn es auf Liebe gegründet ist.”
Doch bevor aus alledem ein unsägliches “Du musst es nur wollen” vorzuschmecken beginnt, lass ich Max Liebermann die Bremse ziehen: “Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, so würde sie Wulst heißen.” Es gibt auch eine Fassung von Karl Valentin, die geht mit ‘Wunst’, doch ‘Wulst’ trifft es viel besser, auch oder weils wohl eher Verbalabstraktum zu Vorläufern von ‘Wallen’ ist. Nur sollten, ich erinnre an den eingangs zitierten Satz von Herrn Adorno, die Könner öfter daran denken, dass auch die Suche nach dem Neuen, das Wollen dessen, was noch nicht gewesen, zuweilen elend als ein Wulst sein Ende findet.
30. November 2006, 08:31



