Demokratie - nur echt mit dem Fragezeichen… »
21.
Juni
2011
Immerhin Bewegung?
Da hat der Herr Amano von der IAEO also mitbekommen, dass nach Fukushima selbst die eingefleischtesten Liebhaber der Kernenergie (und der damit verbundenen überproportionalen Gewinne) mal ins Grübeln kommen sollten. Und er schlägt vor, die “IAEA Safety Standards” zu verschärfen und ihre Einhaltung sicherzustellen und damit in den kommenden 12 Monaten zu Potte zu kommen…
Immerhin, könnte man meinen, kommt nun sogar bei der Atomkraft-Kuschelkurs-IAEO etwas Bewegung auf. Ich bin da skeptisch.
Denn so wichtig der Aspekt maximaler Sicherheit ist: Im Ernstfall, der sich nie ganz vermeiden lässt, sind alle diese Vorkehrungen radioaktive Pampe. Im Ernstfall braucht es klare Konzepte, Strategien, braucht es bereitstehende Technik und Personal, das binnen weniger Stunden, schlimmstenfalls Tage vor Ort einsatzbereit ist.
Der Herr Amano hätte von einer Task Force reden können. Von einem IAEO-Himmelfahrtskommando, das im Ernstfall das Unmögliche versucht. Er hätte Fukushima zum internationalen Prüfstein der Atomindustrie erklären können, zu einem Testfall, ob es überhaupt brauchbare Strategien für solche Störfälle geben kann. Strategien, die auch inmitten vielbevölkerter, gänzlich pazifikfreier Regionen noch greifen. Die schnell greifen und nach dem Schlimmsten wenigstens das Allerschlimmste zu verhindern versprechen.
Hat er aber nicht. Weil er und seine ganze Behörde so unfassbar unfähig ist, dass daran niemand dieser feinen Herren denkt. Oder sie wissen zu genau, dass es keine akzeptable Lösung gibt. Dann aber sind sie nicht unfähig, sondern korrupt.
21. Juni 2011, 20:48
27.
März
2011
Atomlobby, auf nach Fukushima!
Soll keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Nach Tschernobyl. Aber sie setzen trotzdem Unschuldmiene auf. Wahrscheinlich, weil Atomkraft so reich macht (Mit jedem abgeschriebenen AKW lässt sich etwa eine Million Euro pro Tag verdienen.) Natürlich wird nicht jeder davon reich, schon gar nicht die Gesellschaft, die sich um den übrigbleibenden Dreck alleine kümmern darf.
Hielt mir doch gestern so ein Atomkraft-Befürworter vor, es gebe da eine Studie, unter anderem von der WHO getragen, laut der in Tschernobyl in Wahrheit nur 50 Arbeiter durch Verstrahlung gestorben sind. Es wäre ja alles nicht so schlimm, wie immer behauptet würde. Da hält man erstmal die Luft an. Und recherchiert. Und findet diesen Artikel in der New York Times. Da liest man von eben jenem Report, von diesen 50 Arbeitern und davon, dass die ersten Befürchtungen nach Tschernobyl in der zunächst vorhergesagten Dimension zum Glück nie eingetroffen sind. Und man liest von insgesamt 4.000 Menschen, die allen Anzeichen nach infolge des Unglücks zu Tode kamen, und von über 90.000 Menschen, die 2001 allein in der Ukraine als durch dieses Unglück behindert gezählt wurden, und dass Ukraine und Weißrussland jährlich 5 Prozent Ihres Jahreshaushalts für die Unterstützung der Tschernobyl-Opfer ausgeben… Aber auch das sind für den eingangs genannten Atomkraft-Befürworter wohl ebenfalls nur Peanuts.
Es wird in diesen Tagen von vielen Atomkraftbefürwortern von Senkung des Restrisikos gesprochen. Unabhängig davon, wie blauäugig oder bestochen-optimistisch (siehe die Tsunami-Prognosen für Fukushima) diesem Restrisiko entgegengesteuert wird, eines haben alle diese Reden vom geringen Restrisiko gemeinsam: dass offenbar nicht und nie mit dem Ernstfall kalkuliert wurde. Es gibt keine entwickelten Konzepte, keine bereitstehenden Technologien zum Umgang mit solch einem Desaster. Das ist durchaus ein typisches Phänomen: dass über der Arbeit zur Fehlervermeidung der Umgang mit dem worst case vergessen wird. Jeder Programmierer kennt das. Aber den Kernkraft-Sicherheitstechnikern hätte das nicht passieren dürfen. Und es ist ihnen passiert. Denn wenn Kernkraftwerksbetreiber Mittel für den worst case bereithielten, hätten sie diese doch wohl längst in Japan zum Einsatz gebracht, um Vertrauen zu retten, wo es noch zu retten ist.
Es gibt Möglichkeiten, jetzt aktiv zu werden. Und man muss dafür nicht einmal den Schreibtisch verlassen. Neben vielbeachteten Unterschriftenlisten gibt es auch ein Instrument unserer eigenen Demokratie, das viel stärker Beachtung finden sollte:
Wir alle können auch abseits jeder Wahl per Petition unserem Bundestag deutlich machen, wohin die Reise gehen soll, zum
Beispiel durch Mitzeichnung dieser Petition.
P.S. Ja, ich plädiere dafür, dass jeder, der sich jetzt noch für Atomkraft stark macht, zugleich öffentlich dazu verpflichtet, bei einem Reaktor-Unglück vor Ort zur Verfügung zu stehen. Und um ein Zeichen zu setzen, sollten Atomkraftbefürworter sich wenn irgend möglich mit ihrer Familie direkt neben dem nächsten Atomkraftwerk ansiedeln. Vielleicht trüge das zu mehr Ehrlichkeit bei.
27. März 2011, 14:53
26.
Oktober
2010
Wohin die Reise geht...
Peter Ramsauer auf eine Frage der ZEIT zur Bahnprivatisierung: Es war bestimmt richtig, aus der Staatsbahn ein Unternehmen zu machen. Durch die private Rechtsform hat sie ein modernes Rechnungswesen und kann flexibler arbeiten. Aber der Staat sollte sie nicht komplett verkaufen. Ihr Unternehmensziel darf nicht immer die Gewinnmaximierung sein. Ihre Produkte sind Kundenorientierung, Schnelligkeit, Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Und sie soll dazu beitragen, das Land gleichmäßig zu entwickeln.
Ein CSU-Mann stellt Gewinnmaximierung in Gegensatz zu Kundenorientierung, Schnelligkeit, Pünktlichkeit, Sicherheit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Das muss ich erst mal setzen lassen. Nicht weil der Gegensatz an sich mir neu gewesen wäre; es entspricht täglichem Erleben. Die Zeiten bürgerlichen Anstands (des mit dem hanseatisch s-pitzen ‘s’) und der sogenannten Ehre sind vorbei, zumindest in den Vorstandsetagen. Geld regiert die Welt, das Regulativ religiös motivierter Überzeugungen bröckelt dahin; der Gedanke ans Jüngste Gericht ist längst von jüngsten Gerüchten übertüncht.
Die Frage ist, wohin die Reise geht. Ein Zurück kann nur ersehnen, wer jene Gleichmacherzeiten nicht aushalten musste oder phantasielos und biegsam genug ist, um ihren Druck nicht zu spüren. Den Paragraphenwald noch weiter aufzuforsten, ist auch keine Lösung, wir haben eh längst ein überbestimmtes System, in dem es seiner Natur nach an allen Ecken und Enden ächzt und knarrt. Mir fällt im Moment nur der Idealismus ein, mit man sich vor zwanzig Jahren an runden Tischen zusammenfand. Ich habe wieder das Gefühl, dass uns Umbrüche bevorstehen. Und wieder bin ich mir nicht sicher, wohin die Reise geht, Hauptsache, wir Bürger brechen auf, bevor die Gesellschaft kippt und ins Totalitäre abrutscht.
26. Oktober 2010, 07:20
15.
August
2010
Wegelagerei...
Weil Google und Verizon gerade die Datenneutralität des Internet zu untergraben versuchen und sie dazu insbesondere (vermutlich, weil es leichter durchzusetzen geht) einen Unterschied zwischen Internet via Festnetz und sogenanntem mobilen Internet etablieren wollen, fällt mir der Artikel in der Zeit von Marcus Rohwetter wieder ein, Liebe Halsabschneider!, dessen Lektüre zwar nix ändert, aber geteiltes Leid ist halbes Leid. UMTS bleibt eine Blase, bestenfalls eine Ersatz-Notlösung (herzliches Beileid den Betroffenen), solange die Tarife Lichtjahre von den Kosten entfernt sind und die Suggestion vollwertigen DSL-Ersatzes durch die Werbung geistert. Aber gibt es eine Chance gegen das Monopol der Etablierten? Der Markt als Regulativ – dass ich nicht lache!
Die Politik, damit sie ändernd wirken könnte, müsste sich zunächst von den Einflussnahmen der Wirtschaft unabhängig machen. Repräsentative Demokratie ist eben für Lobbyisten leicht zu fassen. Basisdemokratie gibt es bei uns nicht – mit dem Verweis darauf, dass sie für Demagogen leicht zu fassen sei.
Das Monopol der Etablierten wird in manchen Branchen für Späteinsteiger nicht zu brechen sein. Abgesehen davon, dass es aus Sicht der Gesellschaft wirtschaftlicher und ökologischer Schwachsinn wäre, Netze für Strom, Gas, Wasser, Abwasser und eben für Datentransport (übrigens auch das Schienennetz der Bahn) redundant auszulegen, vor allem auf der sogenannten letzten Meile. Das gilt zumindest so lange, wie Anbieter der Leitungsnetze und der Inhalte in einer Person auftreten dürfen. Was gerade zwischen Google und Verizon ausgelotet wurde, bringt diese Vermischung auch für das Internet gefährlich nahe. Deshalb sei hier nochmals auf die Initiative pro Netzwerkneutralität! verwiesen. Das Internet beschert uns – jedenfalls noch – so eine Ahnung von Basisdemokratie. Zumindest kann man den Lobbyisten deutlich machen, welcher Menschenmenge Wachgewordener sie jeweils gegenüberstehen.
Die Alternative? Bliebe nur noch der Boykott, der aber rechtlich in einer Grauzone liegt. Dass so etwas wirksam funktionieren kann, indem man einen der unangreifbar scheinenden Großen auswählt (auslost?) und gezielt schneidet, hat einst Shell mit Brent Spar erlebt. Allerdings war dort auch zu erleben, wie schnell diese Kraft sich zu Unrecht entfalten kann – Greenpeace hatte sträflich mit den Angaben zum Ausmaß der potentiellen Belastung geschludert.
Bleibt nur noch der Traum, dass in den Vorstandsetagen durch ein Wunder plötzlich wieder hanseatischer Anstand einziehen möge.
15. August 2010, 16:54
12.
August
2010
Netzneutralität
Der Begriff “Netzneutralität” schwappt gerade mal wieder durch das Netz. Doch das hat eine Vorgeschichte.
Irgendwann im März reichte es nur für ein kurzes Kopfschütteln, als ich via ZEIT die neuen Abzock-Träumereien des Herrn Obermann im Manager-Magazin bemerkte. Da konnte konnte vor drei Wochen jene kleine Meldung bei Heise mich nicht mehr vom Hocker reißen; Herr Obermann hatte schließlich nur nachgelegt, so dachte ich bei mir. Okay, es brodelte ein wenig, und die Telekom gab sich alle Mühe, erklärend von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen zu torkeln. Datenaufkommen verursachende Großkunden abzocken zu wollen, die natürlich längst für dieses Datenaufkommen bezahlen (kurz und bündig hier erklärt), ist Unfug. Aber Schwamm drüber! Die Telekom träumte halt, was von dem Kuchen der Phantasievolleren abzubekommen. So what?
Wach wurde ich, als mir die ersten Meldungen von Google und Verizon vor meine Augen tickerten.
Google bin ich immer noch geneigt in Schutz zu nehmen, warum eigentlich? Weil sie so sympathisch gestartet sind; als in alten Zeiten andre Suchmaschinen erstmal träge und gefühlt-minutenlang ihre Werbeflächen füllten, war ich mit Google längst am Ziel – weniger ist mehr. Und ich mag, dass Google innovativ ist und immer ein bisschen verrückt: GoogleEarth, GoogleBooks, Android, … Aber diese Ära ist wohl bald vorbei. Es wird Zeit einzusehen, dass Google kraft Geldes demokratischen Bewegungen im Netz nicht länger folgen wird. Google kritischer zu sehen heißt ja gottlob nicht, in den selben Zug wie Ilse Aigner einzusteigen.
Ich hatte im März wohl nicht bedacht, dass unter jenen, die Herr Obermann so gerne mal zur Kasse bitten würde, durchaus ein Interesse bestehen könnte, sich an solchen Kassen ein Ticket 1. Klasse zu erwerben. Um aus viel Geld noch schneller noch viel mehr Geld generieren zu können. Das kann man recht übersichtlich von Kai Biermann in der Zeit nachlesen, der zum Schluss notiert, was auf dem Spiel steht: Bislang erschien das Internet immer wie eben dieses auf Gleichheit basierende Utopia [des Thomas Morus].
Ich erinnere mich an den Aufschrei in den Urzeiten des Internet, als Websites plötzlich voller Bilder waren (bei den schlecht komprimierten schrie ich mit). Noch lauter ward geschrien, als stolz die ersten mit Voice-over-IP experimentierten. Verschwendung des Datenvolumens sei das! Wenn neue, datenintensivere Nutzungsvarianten das Internet an seine technischen Grenzen brachten, dann war das stets zuerst diesen neuen Nutzungsvarianten abzuspüren. Sie liefen eben so holperig, dass sie als nette Idee durchgingen, aber nicht wirklich nutzbar waren. Heute haben wir im allgemeinen Flatrates, aber bezahlen wir damit unbegrenzten Datenverkehr? Natürlich nicht. Der DSL-Zugang ist so schnell, wie er eben ist, und dies zumeist im Down- und Upstream schmerzhaft unterschiedlich. Da kommt nicht beliebig viel hindurch. Wer viele Daten im Internet verfügbar machen will, sucht sich darum einen Platz näher an den dicken Leitungen, registriert zum Beispiel eine Domain und bucht Webspace bei einem Provider – zunehmend mit Datenflatrate. Aber von dort entstehen ebenfalls keine enthemmten Kosten – natürlich ist auch hier der Durchsatz gedeckelt. Wenn eine solche Webdomain plötzlich massives öffentliches Interesse erntet, ist sie schnell kaum noch erreichbar. Dann kann man etwas mehr bezahlen, und schon geht es schneller. Vielleicht hilft dabei auch ein kleiner Werbehinweis auf den Webprovider – das ist Verhandlungssache. Oder man sitzt die Sache mit der mangelhaften Erreichbarkeit einfach aus – das Interesse sinkt darüber, und dann hat man wieder Ruhe. Oder, wenn es so gut läuft wie bei Google (und man etwas daran verdient), dann baut man eben weltweit Rechenzentren und legt sich dicke Backbones zu.
Man könnte leichtfertig meinen, dass es doch ein natürlicher nächster Schritt wäre, nun kraft Geldes bevorzugten Transport hinzuzukaufen. Die Telekom argumentiert mit dem Vergleich zum Eilbrief. Doch der Vergleich stinkt. Es ist zu befürchten, dass unsre Datenautobahnen verstopft sein werden mit Ersteklasse-Dumpfpaketen. Es ist noch viel mehr zu befürchten, dass die Mechanismen zur Unterscheidung der neuen Klassen-Kasten weidlich die Netzneutralität des Fundaments berauben. Und die natürliche Monopolstellung der Netzanbieter lässt wenig hoffen, dass es dann Alternativen geben wird. Darum finde ich wichtig, dass man sich bewegt und wehrt und deutlich zeigt, wo man das Internet der Zukunft sehen möchte:

INITIATIVE PRO NETZNEUTRALITÄT!
12. August 2010, 20:32



