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14.
September
2011

Ambivalenzien

Ambivalenzien

Aufbruch nach Ambivalenzien, dem Land der doppelten Böden. Morastgewordene Muttererde brachliegend hier, betonkopfge­zeugte, morsche Kruste dort. Darauf die mausgrauen Monumente totgeborener Zukunft, berstend über trümmerreichen Untiefen zertretener Vergangenheit. Inmitten rostig-trostlosen Zerfalls zartbittre Sprossen doppelbödigen Humors, mehr unter- denn hintergründig; noch flutet fetter Sumpfdotterblumen dralles Gelb jeden Riss im alten Beton, noch künden Leuchttürme hölzernen Blendwerks vom Marsch auf den ausgetretenen Fehlerpfaden der Vorangestolperten. Statt Wandel noch Wandeln nur, durchs Legoland zerbröselnder Träume, Blaupause der simplen Gemüter neuer, alter Apparatschiki, Stilblüten hegend. Die Hochzeiten alter Blüte leben fort an glücklicheren Orten, wann fortan wieder hier, inmitten neugeborener Lebenslust? Ohne Saat nimmer, ob auch manche Saat verdorrt – nicht ohne Aufbruch nach und in Ambivalenzien…

Ambivalenzien

Ambivalenzien

Ambivalenzien

14. September 2011, 21:19

27.
Juli
2011

Vorratsdaten...

Weil der Ruf nach Vorratsdatenspeicherung wieder einmal besonders laut geäußert wird, sei an das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Projekt der ZEIT erinnert, Verräterisches Handy.

Wie angreifbar zentral gehäufte Daten sind, das war in den vergangenen Monaten mit großer Regelmäßigkeit zu erleben. Die Daten der Vorratsdatenspeicherung sind eine Goldgrube für die organisierte Kriminalität.

Der einfache Ausweg: Datenvermeidung. Endlich die immer aufs Neue aufgewärmte, unsägliche Vorratsdatenspeicherung ent­sorgen.

So wiedererkennbar wir uns längst gemacht haben im Internet (siehe Identifikationismus, der Test der EFF funktioniert noch), das obliegt der Entscheidung jedes Einzelnen.

Wo ist die Grenze? Was kommt nach der Vorrats­daten­speicherung auch unserer Internet-Verbindungen? Natürlich, die automatisierte Risikobewertung der Inhalte. Da kann ich mal nur hoffen, dass die Programmierer solcher Mechanismen cleverer sind als bisherige Software- und Sicherheits-“Experten” in öffentlichen Diensten. Oder lieber doch nicht? Denn Gnade dem, der bei geringer Fehlerquote unschuldig in die Mühlen gerät, das kann schon bei klassischer Rechtsprechung mit ihrer “umständlichen” Wahrheitssuche gewaltig ins Auge gehen, was erst, wenn einem so ein Bewertungssystem einen Risiko-Stempel verpasst?

27. Juli 2011, 22:42

25.
Juli
2011

Wider die politische Brille...

Es ist schon eine Weile her, da hörte ich wen in der TV-Abteilung zwischen all den Flachbildschirmen mit ihren noch flacheren Inhalten (dafür aber manche in 3D), nach einer dritten 3D-Polarisationsbrille fragen, aber das Wort war falsch verdrahtet. Politische Brillen hatten sie nicht.

Jener Typ Brille ist mir wieder eingefallen, als ich gestern diese Sätze las:

Ein Dichter kann nicht dichten, wenn er nicht liebt. Ein Politiker kann vermutlich auch ohne Liebe Politik machen, aber es ist dann wahrscheinlich schlechte Politik.

Und, nach der Lektüre des Doktor Faustus von Thomas Mann… Danach hatte ich das Gefühl: Wenn ich nicht politisch tätig werde, sondern die Entwicklung nur intellektuell begleite und für mich kommentiere, dann gerate ich vielleicht auch in einen abgrundtiefen, zerstörerischen Zynismus.

Sagt Sara Wagenknecht. Man kann von Menschen halten, was man will – aber zuweilen sollte man die politische Brille weit weglegen und offen sein für den Gedanken, dass Parteien und politische Ausrichtungen nicht notwendig ein geeignetes Kriterium für Wertschätzung sind.

25. Juli 2011, 07:53

22.
Juli
2011

Der Krug...

geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Doch bei heutigen Krügen wird sogar dem Wasser übel. Spricht man deshalb eher von Flaschen?

Die ich meine, lassen tragen. Und meinen, tragende Rollen zu spielen. Tragische vielleicht. Wenn nur wir Wasserträger keinem Rattenfänger folgen, geht es gut aus. Sogar mit Europa. Irgendwie.

22. Juli 2011, 18:54

20.
Juli
2011

Der Dritte Weg

Wörter sind kleine Schachteln vermeintlichen Inhalts. Man stapelt sie übereinander und meint die Bedeutungen zu summieren, die vorn auf diesen Miniaturschubladen säuberlich in Sütterlin geschrieben stehen. Zuweilen spielt man ein wenig mit den Assoziationswolken, die erster Schachtel-Augenschein nur ahnen lässt.

So geschieht es manchmal, dass ich solch eine Wort-Schachtel in Gedanken halte, und unvermittelt flammt es daraus hervor, als hielte ich Aladins Lampe in der Hand, und Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Da hilft nur noch ein leeres Blatt Papier. Seis drum.

Jüngst stand auf solcher Schachtel schlicht ‘trivial’, doch plötzlich schwanten mir ‘drei Wege’, und ja, es ist einer dieser Gemeinplätze alten Sinns, die an Weggabelungen entstehen, an denen man ob der Wegscheide verweilt und ins Sinnieren kommt. Solch ein Ort, an dem drei Wege sich begegnen, darf als allgemein zugänglich vermutet werden. Via lat. ‘trivialis’ von lat. ‘trivium’ – ‘öffentliche Straße, Wegkreuzung’.

Vielleicht ist das Schlichte an ‘trivial’ ein bisschen beeinflusst vom Trivium der sieben freien Künste, das die Sprachkünste Grammatik, Rhetorik und Dialektik umfasste und an den Universitäten des Mittelalters vor den mathematischen Künsten des Quadriviums Arithmetik, Geometrie, Musik(!) und Astronomie absolviert werden musste – erst nach dem trivialen Part (‘trivial’ ist eben hochgradig relativ) war der Weg zu den andren Künsten frei. Sollte in den heutigen Schulen vielleicht wieder stärker bedacht werden; ohne ausreichende Sprachkompetenzen wird ein Schüler spätestens an den üblicherweise verquer (um nicht zu sagen: sehr unmathematisch) formulierten Textaufgaben brachial scheitern – und Lust auf Mathe rückt in weite Ferne. Die Schulung sprachanalytischer Fertigkeiten gehört in den Sprachunterricht.

Aber zurück zu ‘Allgemeinplatz’ – den Wörtern ‘trivial’, ‘gemein’, ‘banal’ ist die Urbedeutung gemein, etwas in Besitz der Gemeinschaft Befindliches, etwas allgemein Verfügbares zu bezeichnen – und ebenso gemein ist ihnen der Abstieg in das Plumpe, bis zur Niedertracht. Darin stehen sie dem Vulgären in nichts nach; ‘vulgär’ via lat. ‘vulgaris’ von lat. ‘vulgus’ – ‘Volk(smenge)’. Das ist so schön einfach: Hier schnöde Massen, dort ‘Eliten’, die ‘Auserwählten’. Aber, bitteschön, auserwählt doch nicht von Gottes Gnaden; so liebte es der Adel sich zu sehen. Wahre Eliten verdienen sich diesen Status. Wahre Eliten schöpfen aus der Vielfalt der Massen. Wer sich über diese Vielfalt erheben zu müssen glaubt, ist nicht elitär, bloß einfältig.

‘Trivium’, der Ort, an dem sich drei Wege begegnen. Wo zwei Wege sich begegnen, ist keine Kreuzung, es ist ein Ort wie jeder andere am Rande eines Weges. Mit dreien wird es zum ersten Mal unmissverständlich eine Kreuzung, mehr bedarf es dazu nicht (zumal jeder weitere Weg die Wahrscheinlichkeit steigert, dass es sich statt des Orts einer einfachen Kreuzung um Rom handelt). So dachte ich auf meine Frage, warum die Römer für den Begriff der Kreuzung ausgerechnet drei Wege auserkoren, und ich führe das an, weil so die Assoziation des ‘Dritten Wegs’ zu mir gelangte.

Nun ist der ‘Dritte Weg’ ja ein vielbeschworener, und oftmals nur grauer ‘Kompromist’ der faden Mitte zwischen Schwarz und Weiß. Oder, wie Kurt Tucholsky notierte: Alles ist richtig, auch das Gegenteil. Nur: »Zwar … aber« – das ist nie richtig. (Schnipsel, 1930) Besonders, wenn in Politik und Wirtschaft vom ‘Dritten Weg’ die Rede ist, sollte man seinen Optimismus nur mit großer Vorsicht ausgraben. Es ist selten ein Königsweg, eine besonders geniale, unvorhergesehen einfache Lösung (als ob Könige gemeinhin durch solche Lösungen aufgefallen wären).

Dennoch, dass es einen Dritten Weg gibt, es bleibt meine Lieblingshoffnung; die Lösung ist immer einfacher und liegt näher, als man denkt, und das wahre Problem liegt selten da, wo man zuerst zu suchen geneigt ist. Und es muss doch möglich sein, den in Wahrheit einen Weg von Schwarz nach Weiß und umgekehrt irgendwann zu fliehen. Es muss den Dritten Weg geben, auch wenn das verdächtig nach “überholen ohne einzuholen” klingen mag. Zwischen Diktat der Marktwirtschaft und dem des Staates. Zwischen Bedürfnisbefriedingung und Bewahrung der Schöpfung. Im Konflikt zwischen Gemeinschaft und Individuum. Ausgewogenheit ist hier das falsche Stichwort, Ausgewogenheit ist eine Notlösung. Wenn man aufhört zu suchen, wird es einen Dritten Weg nie geben. Man braucht Ideen, die wirklich neu sind. Und dafür hat man am besten ein offenes Ohr für vermeintlich dumme Fragen aus der sogenannten Masse. Der derzeitige Niedergang selbsternannter Führungseliten in Politik und Wirtschaft hat genau damit zu tun, dass sie mit ihren zuweilen vergoldeten Scheuklappen nur noch “vorwärts”, “nach oben” und “mehr” denken können und die richtigen, dummen Fragen von allen Seiten um sie herum, die Stimme des ‘gemeinen Volkes’ nie wirklich hören wollten.

Soviel zu meinen trivial-abwegigen Assoziationen der vergangnen Nacht beim Versuch einzuschlafen – der natürlich fehlschlagen musste.

20. Juli 2011, 21:21

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