Leonardos Fahrrad? jörns notizen

14.
April
2010

Prof. Christian Hauschild ist verstorben.

So ahnbar es war, die Nachricht trifft ins Herz. Mein Lebensweg ist wesentlich geprägt durch ihn. Er brachte einen Stein ins Rollen; er hat meinem Leben eine erste große Liebe mitgegeben, die zur Musik. Ihn als Musiklehrer zu erleben war spannend. Aber unter seiner Leitung singen zu dürfen wirkte belebend, in jeder denkbaren Tiefe dieses Wortes. Möge recht vielen Dirigenten das Können, die Kraft und die Liebe gegeben sein, um Chöre mit solcher Wirkung zu leiten.

14. April 2010, 20:47

24.
März
2010

Identifikationismus

Worte zeugen Assoziationswolken. Oder, mit Alfred Jarry, Ideenpolyeder, wie ich dank María Cecilia Barbetta weiß. Man kann Worte von vielen Seiten her betrachten, und in so verschiedner Sicht ergeben sich unzählige Verbindungen. Mit Blick auf “Identifikation” scheint mir das Bild von der Assoziationswolke aber passender. Es ist, treff ich auf dieses Wort, als sei ich eben auf einen überreifen Pilz getreten, den Bovist. Als düstrer Staub hängt eine Wolke seiner Sporen in der Luft, und übelriechend macht er seinem Namen alle Ehre: “Bovist”, das heißt “Fähenfurz”, Furz einer Füchsin (die Biologen sagen vornehm “Lycoperdon”, Furz des Wolfes).

Identifikation ist im Alltag nicht gänzlich negativ belegt; es lebt Gemeinschaft davon, dass wir einander eindeutig erkennen (richtiger: darauf vertrauen). Auch sich eine Sache zu der eigenen zu machen, sich mit etwas “zu identifizieren” ist per se nicht falsch.

Aber schon bei der Konstruktion des Wortes fängt es an zu bröseln. “Identifizieren” lässt via “facere” in meinen Ohren “gleichmachen” anklingen. Identisch ist zu kräftig, als dass ich identifizierbar, auf völlige Übereinstimmung mit einer notgedrungen endlichen Auswahl an Merkmalen festlegbar sein wollte. Freilich, als Individuum (nichts als “kleinste Einheit”, “unteilbar”, zu dividere, als Lehnübersetzung verwandt mit dem “Atom”) einzigartig, Unikat zu sein, ist nicht mehr als eine feine Illusion. Die zudem nicht wohlgelitten ist; das Einzigartige wird schnell zum Unikum gestempelt, das nicht geheuer, weil so anders.

Zurück zum Alltag. Ich habe nie verstanden, warum den Telefonen von Anbeginn zwei Tasten fehlen: Eine, um den eignen Anruf wahlweise zu anonymisieren, und eine zweite, um hereinkommende anonyme Anrufe zeitweise zu blockieren. Das sei nur erwähnt, um zuzugeben, dass ich das Identifizieren nicht gänzlich abgeschafft erträume.

Wenn es der Göttin der Neuzeit, der sogenannten “Sicherheit” auch nur den Anschein hat zu dienen, dann liegt der rote Teppich schneller, als man denken kann. Die Gefahr steckt in der Technisierung des Identifikationsvorganges. Zum einen ist, wie bereits bemerkt, die Merkmalsauswahl immer eine unvollständige. Dazu kommt die natürliche Fehlbarkeit der Technik, die erschreckend schnell mit Technikglauben vom Tisch gefegt und ausgeblendet wird. Dieses blinde Vertrauen ersetzt zunehmend das empathische Vertrauen, das mit Augenmaß und Lebenserfahrung Menschen einzuordnen weiß. Wehe dem, der mal durchs Raster fällt oder aus Versehen der falschen Gruppe zugeordnet wird. Aus der Nummer kommt man nicht so schnell wieder heraus. Und daran ändert nichts, dass immer wieder die Unzulänglichkeit der Identifikationsmechanismen offengelegt und angeprangert wird.

Im Internet macht man sich identifizierbar. Dagegen kann man etwas tun, doch ist es allenthalben ein Wettlauf mit der Wirtschaft. Denn die versucht um des Gewinnes willen stets schon am Ziel zu stehen, und spießt auf ihren Igelstacheln alles auf, des habhaft man sie werden lässt. Das kann man verstehen, weil die Werbung nachvollziehbar mehr Effekt erzeugt, wenn der Betrachter kategorisiert ist, wenn eine brauchbare Vermutung über seine Wünsche existiert. Das kann beängstigen, die wahre Angst ist angebracht, wenn dieser Mechanismus andren Zielen dient. Wenn das pragmatisch eingestellte Urteil aus Technikglauben zu einem wahren Urteil führt. Wohnst Du in der falschen Straße, kriegst den Kredit Du nimmer, das Auto nicht so günstig, was auch immer. Du bist als kritisch eingestuft und kannst nicht neu versichern, und nichts bringt die blasierte, technikglaubende Person am andren Ende Deiner Leitung zur Umkehr mehr. Der Schwarm schwimmt weiter, das Unikum geht unter, ein B-Lächeln zeugt noch eine Weile von seiner Existenz.

Wir sollten nicht aus dem Auge lassen, wie sehr unsre Augenblicke längst nach Identifizierungsalgorithmen in Kleinkrämerschüben landen. Wir sollten uns nicht beliebig identifizierbar machen, solange diese Gegenwehr uns noch nicht zum Unikum stempelt. Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob dieser Zug nicht schon lange abgefahren ist. Eine interessante, abgefahrene Methode, Durchschaubarkeit in uns zu suchen, wird derzeit von der EFF gezeigt: hier kann man sich ein Bild davon machen, wie gut man im Internet ausgemacht werden kann, auch wenn man die Kekskrümelspur (Cookies), zumindest jene der vergangnen Tage, bereits wirksam ausgeschalten hat. Und wer noch nicht bei Firefox mit NoScript gelandet ist, kann dort bewundern, was Javascript schon alles zu beobachten erlaubt.

24. März 2010, 08:04

10.
März
2010

Verfasst, vertan, verfasst, vertan...

Beinah jährlich hat nun der Bundestag Gesetze in den Sand gesetzt und die Verfassungsrichter tätig werden lassen. Den Verfassungsrichtern gönn ich ihr Salär, gern auch in moderner Währung, dem Berliner Lobbyistenverein dagegen muss endlich die Suppe versalzen werden. Wenn ich darauf schaue, wieviele konkrete Warnungen es bereits in der Entwurfsphase solcher Gesetze gibt, dann kann ich nur zwei mögliche Gründe für das Zustandekommen solcher Papierruinen erkennen: Uferlose Dummheit der beteiligten Beamten und Politiker oder tiefe wirtschaftliche Verstrickungen, mafiöser Filz. An uferlose Dummheit mag ich nicht glauben. Die Alternative finde ich aber ebenfalls erschreckend. Wahrhaft ein Dilemma.

Und ich fühle mich an das Tankstellenproblem erinnert, niemand kann ihnen bisher Preisabsprachen nachweisen, kaum wer kann die Abzocke vor Feiertagen und zu Beginn der Urlaubszeit akzeptabel finden – aber wie soll man sich dagegen wehren? Mehr oder minder sind sie doch alle gleich? Und ganz ohne geht auch nicht. Alle in einen großen Lostopf, wer gezogen wird, wird ein Quartal lang gemieden? Schwierig zu organisieren, zumal Boykott-Aufrufe bei uns eine gute Angriffsfläche für Abmahnungen bieten dürften. Und: Kann das die Lösung sein, Angst zu verbreiten?

Also aufklären, Hintergründe greifbar werden lassen, möge steter Tropfen zu einem Fluss geraten. Das Internet stellt neue Fragen, soweit sind unsere Politiker ja schon, die das Problem bereits verschnarchten, als es die ersten spartanischen Mailboxen gab. Und nun daran verzweifeln, dass nix mehr in die verstaubten Kästen passt. Schwarz und Weiß sind Vergangenheit, die Grenzen verschwimmen. Alles redet von Globalisierung, das Internet hat neben den Verlagen auch den Stammtisch globalisiert. Das schreit nach wirklich neuer Wegsuche, nach Aufbruch.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu informieren, einige meiner Favoriten:

Bin selber auf der Suche und will darum versuchen, hier regelmäßig das eine oder andre Thema zu beleuchten. Als private Magengeschwürverhinderungsaktion. Bevor ich zu resignieren beginne.

10. März 2010, 07:25

20.
Februar
2010

Kein Schneeweh...

Und wenn sich weiße Flocken noch so prachtvoll übers Land gelegt…

Winter 2009/2010

Kein Schneeweh habe ich, nicht im geringsten, auch nicht im Blick auf wirklich zauberhafte Schneelandschaften. Es ist ein fauler Zauber, des Kern hernach mich noch für Tage oder Wochen als harsch vereister Dreck die Zeit der Stille als Stillstandszeit empfinden lässt.

Die Meisen trommeln wieder Quinten, die Sonne lugt den Wintertrug hinweg, und ich ahn endlich den Beginn, ich riech den Frühling.

20. Februar 2010, 10:53

19.
Januar
2010

du mich

von heut auf morgen alltagssorgen nichtig
bist plötzlich nur noch du mir wichtig
lässt du, im gehen, relationen spüren
die mich auf alte pfade führen

was ist so wichtig wie das nackte leben
das uns auf unsren weg gegeben
so voll an ungeträumten seifenblasen
wir landen alle unterm rasen

es ist, tagtäglich unsern traum zu weben
statt angst vor grenzen auszuleben
es ist, tagtäglich neu uns treu zu bleiben
statt nur im alltagssog zu treiben

das leben ist zu kurz zum streben
es gilt, lebendig wahr zu leben

19. Januar 2010, 08:32

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