11.
Januar
2010
Nachtgespenster
Kristallen still, geräuschlos liegt die Nacht — ich nicht. Der Kopf, er kann nicht bremsen, schleudert durch Gedankenwolken, wird die Gespenster nicht mehr los. Wild wirbeln Freuden, Ärger, Trauer, Mut und Übermut und offne Fragen, ein wirres Netz aus Lösungswegen liegt Spuren gleich im Schnee, irrlichternd geistern lockend die Ideen dort im Dunkel, an Schlaf ist nicht zu denken.
Schäfchenzählen funktioniert nicht; die Herde lässt sich schätzen, zu leicht, das Hirn spinnt weiter tausend Fäden. Ich rette mich ins Wörterwandeln: Je ein Buchstabe weggelassen, getauscht, hinzugefügt, von heut ins Morgen. Heute, Leute, Laute, Laut und Maut, Mast (ach Mist, das geht zu schnell), Most (Sackgasse? — zurück!), Mast, Hast, hart, Hort, horte Worte, warte, wate Wade, Made (müde?), Mode, Morde — morden morgen mich die grauen Zellen? Noch nach wach mach mich, ich, ach, Acht, echt, Echo, Eco, Eck, Ecke, Hecke, Hacke, Hacken, Haken, Hasen (okay, das Ziel ist der Igel), Rasen, rasten, rosten, Roste, Rost, rot, Brot, brat, Rat, Rate, raten, Braten, Briten, Riten, reiten, leiten, leisten, Leiste, leise, (Wein-)Lese, lesen, Wesen, Wesel, Esel, Egel, Igel. Endlich müde.
11. Januar 2010, 23:55
02.
Dezember
2009
Der freie Sonntag...
Das Bundesverfassungsgericht hat gesprochen, das Berliner Ladenschlussgesetz greift zu weit, vier verkaufsoffene Sonntage im Advent sind zuviel. Man könnte ja meinen, diese Sonntage verteilten sich doch über fast ein halbes Jahr, aber der Advent beginnt noch immer erst drei bis vier Wochen vor Heilig Abend. Auch wenn sich das bis in die den Schokoladenhohlkörpern so wesensverwandten Vorstands-Etagen der Supermärkte noch nicht herumgesprochen hat. In epischer Breite, aber gerade noch lesbar, und man muss es sich nicht mühsam zusammensuchen, erhält man unter römisch eins einen Einblick in das Dickicht aus Ladenöffnungsregelungen. Ich finde es erschreckend, wie sehr wir unsere Belange durch Paragraphendschungel regeln. Dann folgen die Argumentationen der Beschwerdeführer, und schließlich kommen die Verfassungsrichter dann zum Schluss, natürlich ausführlich begründet.
Das alles ist ganz nett, und es ist in meinem Sinne, den freien Sonntag irgendwie zu retten, und sei es nur ein bisschen.
Aber was mir so richtig gut gefällt, sind solche Passagen der Begründung: ‘Die Arbeitsruhe dient darüber hinaus der physischen und psychischen Regeneration und damit der körperlichen Unversehrtheit’ und ‘der zeitliche Gleichklang einer für alle Bereiche regelmäßigen Arbeitsruhe [ist] ein grundlegendes Element für die Wahrnehmung der verschiedenen Formen sozialen Lebens’.
Vielleicht geraten so bei uns solche Gedanken mal wieder in die Diskussion, die es nämlich auch außerhalb religiöser Bezüge wert ist. Und ein Hauch von jenem Arbeitsklima weht zu uns, von dem man hin und wieder ahnungsweise aus Skandinavien hört. Dann brauchte es vielleicht auch nicht mehr derart vieler Paragraphen, um uns einander freie Zeit zu gönnen. Denn Paragraphen sind, wenn auch sicherer, doch immer unflexibler als menschliche Vernunft.
2. Dezember 2009, 07:57
30.
November
2009
Im Lobby-Sumpf mäandern
Irgendwer hat sich im Handbuch “Politiker-in-24h” gründlich vertippt. Liebe Politiker, diese Stelle ist falsch geschrieben. Ihr sollt im Sumpf aus Lobbies nicht drum mäandern, Ihr sollt ihn trockenlegen und endlich dran ma ändern!
30. November 2009, 08:02
29.
November
2009
Das Grammophon im Schinken
Nach dem Mittag war die Luft raus, ich wohnte einer Schinkenpause bei. Soweit ich meine Augen offenhalten konnte: Sabrina, in Schwarz-Weiß, von Billy Wilder. In einer Szene schippern Audrey Hepburn und Humphrey Bogart in einem kleinen Kahn, und zwischen ihnen steht ein Grammphon. Kurz kurbeln, nächste Platte drauf, und wie stilvoll präsentierte sich die Klangkonserve!
Ja, der Plattenspieler hatte dann Verstärker, bald gab es Stereophonie – doch wie auf einem Boot und ohne Strom? Nächster Versuch, das Kofferradio, mit Bandsalat in der Kassette, Dank Batteriebetrieb mobil – aber ästhetisch kann doch so ein Ding dem Grammophon kein Wasser reichen. Da ist nur konsequent, es zu verkleinern, bis man es nicht mehr sehen muss. Und wenn die Ohrstöpselverkabelung mit Fitz nicht ohnehin zu erstem Näherkommen führt, so hat man wenigstens ein Thema, wenn es um die Deutung der Extras des ultrakleinen Spielzeugs geht.
Ich bin gewiss kein Technik-Feind, aber den Fortschrittsglauben mancher Zeitgenossen kann ich nicht begreifen. Zu viele Neuerungen sind mit schmerzlichem Verlust erkauft. Zu selten ists ein Kompromiss. Meist liegt es nur daran, behaupte ich, dass die Entwickler das Wesen ihres Gegenstandes nur halb begriffen haben und zu früh zufrieden sind. Das find ich schade.
29. November 2009, 15:53
25.
November
2009
Jetzt im Jetzt.
Das Jetzt, so schwer zu fassen zwischen Zukunft und Vergangenheit, ist dünner als ein Blatt Papier. Man sagt “im Hier und Jetzt”, und dabei ist doch nur das “Hier” noch da, im besten Falle, wenn man den Satz beendet hat. Und dennoch findet Leben statt nur je in diesem Jetzt. Nicht die Vergangenheit, die mir wie Gestern scheinen will, in Wahrheit Jahr um Jahre schluckt, auch nicht die Zukunft, mit Ihrem Irrlichtspiel an Möglichkeiten. Ich leb im Jetzt. Auf dieses dünne Drahtseil setz ich meinen nächsten Schritt. Das muss ich mir aufs Neue sagen, in jedem neuen Jetzt.
25. November 2009, 07:02



