Leonardos Fahrrad? jörns notizen

24.
Mai
2007

Zweifelsonett

Lass meine Zweifel an der Seele nagen
Und wär es wahr, dass meine Worte leben
Zuweilen sogar manchen Sinn ergeben
Von Zweifeln war ich allezeit getragen

Dass ich und wer ich bin, dank ich den Fragen
Die stetig mir sich durch das Leben weben
Mich gründen, doch von jedem Sockel heben
So sind die Zweifel Antrieb für mein Wagen

Und scheint zuweilen alles mir vergebens
Seh ich auf diese Wurzeln meines Lebens
Begreif, ohn sie wär ich auf grauen Wegen

Und wenn sich selbst zu lieben erst die Kraft
Für andre Liebe zu empfinden schafft
So bin ich liebender Beweis dagegen

24. Mai 2007, 08:23

29.
April
2007

zwischen den zeiten

zwischen den zeiten holte ein windstoß ihm den winter
die saat aus tausend träumen schien verweht
kein körnlein mehr zu sehen

zwischen den zeiten tragen ihn seine träume nicht mehr
auf sand gebaut der weg auf dem er geht
sieht sich am abgrund stehen

(zwischen den zeiten)

noch ahnt er nicht das sonnenlicht auf ausgeblichnem holz
noch wähnt er sich im auge des orkans, von sturm umgeben
noch nagen wilde zweifel ihm an seinem schwachen stolz
noch weiß er nicht um jeder schramme, jeder kerbe leben

29. April 2007, 16:02

25.
April
2007

Auf meinem Tisch...

steht eine dieser Sprüchekarten, die jetzt bei Sonnenschein sprüchekartenständerweise vor jedem kleinen Tinnef-Laden auf den Gehsteig schwappen. Ich ärgere mich immer wieder über diese Karten, vor allem über die mit unbestreitbar guten Sprüchen. Denn nie, wirklich noch nie habe ich auf einer dieser Karten den Ort notiert gefunden, an dem der Spruch geerntet wurde. “Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen” steht da in weißen Lettern, und das Bild dahinter zeigt durch gründlich angerostete Speichen hindurch eine nicht minder rostige Radnabe, bei deren Anblick ich immer denke, dass jegliches Erhöhen der Geschwindigkeit mit dem dazugehörigen Fahrrad unterm Hintern ganz sicher keine gute Idee wäre. Unten rechts verleiht der Namenszug “Mahatma Gandhi” dem Spruch Zitatgewicht. Wo das Zitat gebrochen wurde, das findet man dort nicht. Ist am Ende auch egal, wenn dann das Ende da ist und man bemerkt, aus lauter Hast hat man das Wichtigste verpasst. Eigentlich verfehlt der Spruch das Ziel, denn wer beschleunigt schon zum Selbstzweck. Außer ein paar Leistungssportlern. Und dennoch hat sich dieser Spruch mit Karte auf meinem Schreibtisch angesiedelt, denn er erinnert mich daran, täglich aufs Neue, dass ich die wichtigeren Dinge im Leben nicht jagen, sondern sammeln will. Diese tägliche Erinnerung ist allerdings nur mäßig von Erfolg gekrönt.

25. April 2007, 23:00

22.
März
2007

Die erste Nacht

Unablässig schimpft ein Häher in den Wipfeln. Wie Hohngelächter klingt das Warnen dieses eitlen Spähers ihr, als sie die letzte Kehre nimmt und endlich, endlich sieht, wonach sie sich gesehnt, das Meer. Eben noch verfangen in Atemlosigkeit der letzten Wochen und sich belächelnd, ist augenblicks sie angekommen. Das Meer liegt aufgewühlt, brechende Wellen bis zum Horizont, doch sein Rhythmus fließt wie der Atem der Nacht, den Wellenkämmen zum Trotz liegt es in großer Ruhe. Zugleich ergriffen von schwerelosem Schweben und großer Schwere sinkt sie nieder, liegt mit ausgestreckten Armen, und ihre Hände greifen, graben, und sie finden Halt in nur zwei Handvoll Sand… Schritte. Sie hört die Schritte nahen. Es ist zappenduster, und jetzt fröstelt sie. Weiß nicht, wie lange sie gelegen hat. Es ist zappenduster, und doch ahnt sie nun einen großen Schatten über sich.

(…)

22. März 2007, 08:31

21.
März
2007

Aprilfische

Die Macht der Bilder ist enorm. Da fällt ein bisschen Schneematsch aus den Wolken, fast ein Aprilscherz, un pesce d’aprile, Fisch des April, wie man in Italien sagt. Eigentlich nur kleine Fische und keiner Rede wert, doch dann sind da die Bilder tief verschneiter Landschaft anderswo in Deutschland. Und schon sehe ich die blühenden Narzissen und die Ungeduld der Tulpen unter Schnee gebrochen und erstickt. Wegen ein paar Flocken Schnees Geschwätz über das Wetter. Ich rede Schnee; die Worte schmelzen bei genaurem Hinsehn gleich ein paar Flocken Schnees in meiner Hand. Ich muss daran denken, dass so gesehen ganzjährig die Schneegrenze gesunken ist. And I have a snowball’s chance in hell to change it. Ach, dieses Wetter macht mich noch meschugge; ich schwanke zwischen meiner Frühlingssehnsucht und Ergebenheit in diesen Schneematschquatsch da draußen. It does a snow job on me, I’m a bit under the wheather today. Sorry, scusa, 'tschuldigung.

21. März 2007, 08:51

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