Leonardos Fahrrad? jörns notizen

15.
September
2006

Aufgemerkelt, die Fincken pfeifens von den Dächern...

und eine neue Ära der Globalisierung könnte Bahn sich brechen in zeitungspapierne Kotztüten, eine Falzanleitung dafür liegt in Zukunft bei. Dank Peter Kümmel von der ZEIT blieb mir gestern morgen mein Kaffee fast im Halse stecken, er zitiert Frau Merkel: Ist es einfach mit der Pressefreiheit erklärbar, dass man sich nur auf sein lokales Publikum konzentriert und für dieses schreibt, aber die Wirkungen an anderer Stelle dieser Welt unter völlig anderen Rezeptionsmöglichkeiten außer Betracht lässt und sagt, ‘es geht mich nichts an, ich bin eine deutsche Zeitung, ich schreibe für Deutschland’, oder muss diese Globalisierung der Information auch eine Reflexion in der Art und Weise unseres Ausdrucks haben? So gesprochen bei der Verleihung des M100-Sanssouci-Medienpreises, der M100 heißt, weil da 100 Medienleute aufs Parkett getrommelt werden, nicht etwa, weil es der hundertste Medienpreis sei, der sich mit Politikern zu schmücken weiß.

Nun musste ich mir Merkels Rede auf ihrer Website suchen, weil doch die liebe ZEIT nicht mehr für nötig hält, mit allen Texten für alle frei im Web zu stehen – für mich wahrscheinlich ein Kündigungsgrund; ich habe sie schließlich einst nur unter dieser Maßgabe abonniert, aber das ist eine andere Baustelle. In diesem Fall ganz heilsam, weil ich Merkels Rede so nicht nur als Auszug las. Immerhin betont sie darin mehrfach, dass man nach dem Karikaturenstreit über dieses Thema diskutieren sollte. Wobei andre ihrer Zeilen schon aufzufordern scheinen zur Schere in den Köpfen, Reporter amputiert zu kleinen Diplomaten…

Zurück zu Kümmel, der schlägt nun vor: Wäre es nicht besser, […] das Wichtigste zwischen den Zeilen zu verstecken? Eine allen mithörenden Feinden gerecht werdende Kommunikationstechnik zu entwickeln, welche den veröffentlichten Text nur als Hohlcontainer für das Unaussprechliche braucht? und erinnert sich an Werner Finck, jenen Kabarettisten, der in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Kabarett “Die Katakombe” die Mitschreiber von der Gestapo schon mal fragte: Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen? Zu seiner besondren Kunst und Fertigkeit schreibt Peter Kümmel: Was er meinte, sagte er nicht; was er sagte, war anders gemeint und die Luft summte vom Ungesagten, welches das Publikum flugs im Geist ergänzte – das ist mir doch irgendwoher so vertraut? Peter Kümmel schließt: Er konnte nicht ahnen, welch große Zukunft seine Kunst einmal haben würde.

Und offenbar ahnt Peter Kümmel nicht, wie lebendig eben diese Technik in all den Jahren der gottunddemvolkseidank vergangenen DDR gewesen ist. Es gilt also noch immer: vom Osten lernen heißt siegen lernen, ha!

P.S. In ihrer Rede benennt Frau Merkel noch viel schwerer als Zeitungsredakteure zur Räson zu bringende Gesellschaftselemente: Im Zeitalter der Blogs und der Verschwörungstheorien im Netz kann man weltweite Gegen- und Nebenöffentlichkeiten nicht ignorieren. Dazu zählen auch Propagandaseiten und Hass produzierende Communities, die im Internet zur Ausweitung von Konflikten und Kriegen beitragen. Na, dann mach ich mich mal lieber schnell vom Acker, bevor das wer in seinen Hals kriegt, dem Differenzieren noch nie gelegen hat. Der Gesetzgeber hat in Sachen Computer auch in der Vergangenheit eher selten kundige Entscheidungen getroffen.

15. September 2006, 08:43

09.
September
2006

Der Alltag

droht mich manchmal aufzufressen. Dann lege ich mich quer, möge er an mir ersticken, der Alltag.

Gestern Abend war kein Alltag. Stattdessen Cabaret – zum vorletzten Mal das Broadway-Musical vom Rocktheater Dresden, zum letzten Mal im Rudi, dem Dresdener Theaterhaus. Betörende Sally Bowles, atemraubend gestalteter Bradshaw, routinierter Conferencier, bedrückend echt wirkender Max, eine gute Schauspieltruppe und ein phantastisches Mini-Orchester. Ein Jammer für jene, die sich die Chance entgehen ließen. Ich harre gespannt des Neuen.

9. September 2006, 10:08

05.
September
2006

im morgen-grauen (ein)gesponnen

du kleine spinne musst wohl spinnen
dein spinnen nächtens zu beginnen
wo ich des morgens, grad geweckt
noch halb im traum bin hochgeschreckt

willst, spinne, du mein herz gewinnen
dann musst du nächstens anders spinnen
und spinn mir keinen baldachin
dicht über meinem kopfe hin

spinnst du dein netz in zimmerecken
wird mich das nicht so grausam wecken
hättst du dein netz ins gras gesetzt
dann wär es jetzt mit tau benetzt

ich würds bestaunen und dich lieben
so ist dir nur mein schreck geblieben

5. September 2006, 07:43

04.
September
2006

für jeden tag

eine träne
eine des glücks
und eine der trauer
kaum merklich kreise ziehend
in silbriger spur des mondes
dort im fluss
der zeiten
der so fließt
weil er es muss
jene im knopfloch
wird mich geleiten
funkelt mir erinnerung zu
silbrig glänzend über dem mond

4. September 2006, 21:38

03.
September
2006

Ist nicht Kultur

zuerst auch die Kultur des Scheiterns? Mich beschleicht der Eindruck, im Blick nicht nur auf Grass und meinetwegen Handke, dass für etwas gerade stehen zu sollen nur allzu oft mit der Intention gefordert wird, am Pranger besser treffen zu können. Auf dass sofort krummgeschlagen werde, was eben grade stehen wollte.

3. September 2006, 11:28

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