Leonardos Fahrrad? jörns notizen

02.
September
2006

Dresden

ist schon eine Liebe wert, und mag Firenze noch so unvergleichlich locken. Was für ein Geschenk, inmitten des Elbsandsteingebirges, in liebevoller Übertreibung auch “Sächsische Schweiz” genannt, zwischen bizarren Gipfeln die Orffsche Carmina Burana zu singen und auf dem Rückweg unter Sternenhimmel eine menschenleere Basteibrücke zu passieren, fast zweihundert Meter über der Elbe, die in wilden Windungen von hier gen Dresden fließt, und rings die Lichterinseln kleiner Dörfer, die sich in die Täler schmiegen… diese Stelle ist so schön, dass sie nur zu nächtlicher Stunde und bei Regenwetter noch wirklich schön, ansonsten aber heillos überlaufen ist. So ergeht es ja manchem wundervollen Ort, gottlob gibt’s immer auch die Seitentäler oder Nebenstraßen, denen oft der wahre, zuweilen ein besondrer Zauber innewohnt. Die Carmina Burana ist mir ein bissel wie die Basteibrücke geworden. Aber ich sing sie gerne, vor allem, wenn sie gut gerät. Immer wieder frag ich mich, warum so selten sich ein neues Werk so etabliert wie dieses. Dass ihre Wirkung nur entstünde, weil sie schlicht genug gestrickt sei, diese Antwort ist mir schlicht zu einfach. Es gibt wahrhaft kompliziertere Musik, die dennoch breite Wirkung hat. Mir scheint, der Medienschock der letzten hundert Jahre hat manch Komponisten zum Hasen deformiert, der auf der Flucht vor allem Dagewesenen aus Panik immer in der selben Furche rennt, durchgeistigte Experimente, allein, der Igel war schon da. Vielleicht ist es aber zu natürlich, dass es nur wenigen gelingt, dem gut durchdachten Neuen eine Seele mitzugeben. Aus Angst, sich zu verlieren im Affekt, Angst, in Effekthascherei zu enden? So wie bei gutem Essen das Auge Anteil haben will am Fest, so wollen alle Sinne Nahrung haben, wenn man musikalisch den grauen Zellen Freude machen will, das zu akzeptieren halte ich für keinen Fehler.

2. September 2006, 22:51

01.
September
2006

Der Trotz

ist mir ein Schutz und Trutz gegen fiesen Nieselregen, dessen herbstlich kalte Nebeltröpfchen sich wie winzige Kanülen in die Seele bohren wollen. So trage ich trotz dieses Wetters Sommer. Und schon wendet sich die schauderhafte Feuchtigkeit in sonnenwarme Regentropfen, sie perlen auf der Haut. Die Seele jubiliert, nur mein Verstand sagt mir: du spinnst, mich friert.

1. September 2006, 09:15

31.
August
2006

Jammern für Deutschland

“Ohrenbetäubendes Schweigen” diagnostiziert Giovanni di Lorenzo in der ZEIT unserer Regierung. Beinahe hätte ich geschrieben “der Regierung”, denn ist es denn noch “unsre”, “meine”? Und wenn Giovanni di Lorenzo der Kanzlerin zuruft, sie müsse nur noch führen wollen, so müsste man all den Empfängern der Diäten ins Stammbuch schreiben oder besser hinter ihre Ohren meißeln: nun fangt endlich einmal an, das Zepter in die Hand zu nehmen, und regiert! Das Volk ist weichgeklopft und trägt mit Fassung, dass zumindest finanziell die Wespentaille wieder Mode wird, Reformen wurden bereits durchgewinkt, die noch vor ein paar Jahren bereits in dem Getöse des ersten Aufschreis augenblicks versunken wären. Aber es beschleicht einen der Eindruck, Reformen würden nur noch angegangen, weil die Situation nach Veränderungen rufen läßt und nicht, weil nachhaltig geändert werden soll. Ginge es nach mir, dann gäb es wieder einen runden Tisch, und systematisch müsste alles auf den Prüfstand, die Dogmen zuerst. Beweislast für die Lobbyisten. Mit Augenmaß und Ruhe, aber konsequent. Auch gänzlich neue Wege ins Kalkül ziehn und Konzepte bauen, die so transparent sind wie die Kuppel unsres Reichtags. Und nicht stattdessen fadenscheinig und so zäh wie Schneckenschleim.

31. August 2006, 07:10

30.
August
2006

Der kleine Sommer...

Und will der nahende September mit allen Mächten dem November das Regenwasser reichen, so bleibt mir doch als Trost der kleine, zweite Sommer, jener im Oktober, der des Weins.

30. August 2006, 08:14

29.
August
2006

Darf's auch ein bisschen wärmer sein?

Das gegenwärtige Klima gemahnt nicht eben an globale Erwärmung. Es erinnert mich vielmehr an die Beklemmungen, die mich befielen, wenn morgens die Septembernähe schon zu riechen war. Der erste Schulweg eines neuen Jahres, er führte stets durch graue, kalte Nebel. Zwischen Ranzen und Schulgestühl wildes Getümmel, das ich nicht begriff, die neuen Bücher waren auch längst ausgelesen, soweit sie mein Interesse fanden. Und Lehrer, in ihrer Hilflosigkeit kaum zu übertreffen. Kein Stück Begeisterung fürs Fach zu spüren, und die meisten liefen wohl an Krücken aus Feuerzangenbowles Zeiten – nur dass sie weder Kreuz noch Witz ererbt, nur zu trichtern und das Pauken fahler Lösungswege kannten, and form so far before the function. Einen Vorteil aber bot mir dieses kalte Wetter: ich musste nicht so lange an die frische Luft, ich durfte nun viel länger in meinen Büchern andre Welten suchen. Dafür fehlt heut leider oft die Zeit. Und darum: kann’s nicht ein bisschen wärmer sein?

29. August 2006, 08:32

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