Leonardos Fahrrad? jörns notizen

22.
November
2011

EU - Eine Umbenennung?

EU, wofür hält dieses Kürzel her, Europäisch mag ja noch zutreffen, aber Union, steht das für Vereinigung? Seit wann ist man sich einig denn in diesem Bund? Außer (hoffentlich!) darüber, sich nicht mehr kriegerisch ins eigne Fleisch schneiden zu wollen?

EU – Ein Untergang, das mag ich nicht glauben; wer will schon untergehen. EU – ergo uniformis. Galt für die Gurken, aber das ist mittlerweile krude Fußnote der EU-Gurken-Geschichte, und sogar bei den Tomaten merkt man zumindest auf den Märkten, dass die nicht mehr EU-vernormt rot-rund-geschmacklos sein müssen, sondern wieder intensiv nach Tomate schmecken können, und ganz anders aussehen auch.

EU – ergo ubertas, fruchtbare Fülle, reichlichen Nutzen zeugend? Seit wann denn bitte das? Zumal sich gerade einige EU-Regierun­gen anzuschicken schienen, Probleme ganz ohne EU-Apparatschi­kis aufs Korn zu nehmen…

Oder ist doch Bewegung möglich im bürokratischen Möchtegern­zentralgestirn? Wenn die so weitermachen, muss ich etwa meine Meinung über die Bürokraten in Brüssel revidieren? Womöglich:

17.11.2011:
EU-Parlament stimmt für Netzneutralität

20.11.2011:
EU-Kommissarin kritisiert die unzeitgemäßen Copyright-Regeln

22.11.2011:
EU-Agentur für Netzsicherheit warnt vor unbedarfter Nutzung von Cloud-Computing

Ich bin sprachlos. Da redet man sich den Mund fusslig und schreibt sich die Finger wund, und auf einmal werden Amtsinhaber sehend? Zumal EU-Amtsinhaber? Noch fehlt mir der Glaube an die Wirkung welch steten Tropfens auch immer, aber die Hoffnung stirbt zuletzt, auch meine Hoffnung…

22. November 2011, 20:44

06.
November
2011

Tempus

Das Perfecto bezeichnet Geschehen in einem noch nicht abgeschlossenen Zeitraum oder aber abgeschlossene Hand­lungen, die gerade erst passierten oder deren Ergebnis für die Gegenwart von Wichtigkeit ist und die deshalb besonders herausgestellt werden sollen.

Alles klar? Für die nächste Tempusform hören sich typische Kategorisierungen nicht besser an, dafür gibts dann Beispiele, bei denen man die Fragezeichen im Kopf gleich wiederverwenden kann.

Bei der Lektüre der Tempus-Kapitel diverser Grammatiken (insbesondere romanischer Sprachen) bin ich regelmäßig verzweifelt und dann schnell zur fehlerträchtigen Verwendung nach Bauchgefühl zurückgekehrt.

Und nun bin ich mittendrin in der Lektüre von

Harald Weinrich:
Tempus
Besprochene und erzählte Welt

Und es ist eine Offenbarung. Plötzlich scheint alles so einfach und klar.

Harald Weinrich eröffnet eine Grammatik, die den Text im Blick behält, anstatt einzelne Sätze atomisieren zu wollen – seine Textgrammatik lässt das Zustandekommen klassischer Erklärungen zu den Zeit-Formen der Verben wie auch das Wirrwar und die innere Widersprüchlichkeit dieser Erklärungsversuche verständlich erscheinen, verständlich als das Resultat beschränkter Sicht.

Harald Weinrich macht plausibel, dass die Tempora der Verben nicht einer Zeitfestlegung dienen, sondern vielmehr in den Text eingebettete Zeichen sind, an denen wir die Beziehung zwischen Sprecher und uns erkennen.

So unterscheidet Weinrich zwischen den Tempora der “besprochenen” und denen der “erzählten Welt”. Wird uns gerade etwas erzählt (Es war einmal…), so erkennen wir das wesentlich an den verwendeten Tempora und können wir uns entspannt zurücklehnen und ein Bild entstehen lassen. Wird uns aber etwas zur Diskussion gestellt, so können wir uns auf zu besprechenden Inhalt bereits einrichten, wenn wir nur die ersten Tempora vernommen haben (Da komme ich nach Hause…). Über einige Zeitformen (z.B. Passato remoto) liest man zuweilen, dass sie eher der Schriftsprache vorbehalten seien – das wird nun plausibel, da die Schriftsprache insbesondere Erzählungen eine Heimat, der alltäglich-mündliche Umgang dagegen eher besprechender Natur ist.

Und für die Verwendung der Tempora Imparfait/Passé simple, Imperfetto/Passato remoto, Imperfecto/Perfecto simple, die sich mit unseren deutschen Tempora nicht auf direktem Wege nachstellen lässt, erklärt Weinrich deren Funktion als eine der Reliefgebung zwischen Vorder- und Hintergrund des Erzählten – eine Funktion, die wir ebenso gebrauchen, aber auf andere Weise konstruieren müssen. In neueren Grammatiken habe ich übrigens erst nach der Lektüre Weinrichs zaghafte Hinweise auf die Hintergrund-Funktion von Imparfait/Imperfetto/Imperfecto wahrgenommen. Aber das ist ein Tröpflein auf den heißen Stein, und mir bleibt rätselhaft, warum Weinrichs bereits 1964(!) erstmals publizierte Sicht bei der Vermittlung von Sprachen praktisch keine Rolle zu spielen scheint.

Die Funktion der Reliefgebung macht mir zudem endlich solche regionalen Unterschiede begreiflich, wie z.B. die eher auf Süd- und Mittelitalien beschränkte Verwendung des Passato remoto, und warum in verschiedenen Literaturepochen Unterschiede im Gebrauch der Tempora festzustellen sind – nicht eine abweichende Empfindung ihrer Zeitfunktion macht diese Unterschiede aus, sondern es ist eine Frage des Stils, eine gestalterische Entscheidung oder Gewohnheit.

Obendrein liest sich Harald Weinrich überaus angenehm; er verwendet eine klare Sprache, ohne den Text in Fachvokabular zu ersticken, er schreibt mit leichter, heiterer Feder und findet sehr eingängige Bilder. Die vielen eingestreuten Text-Beispiele bleiben ohne Übersetzung, eine direkte Übertragung der gerade diskutierten Tempora wäre ja in vielen Fällen ohnehin nicht möglich, aber ich fühlte mich dadurch am Lesegenuss nicht gehindert, eher rauschhaft animiert, die fehlenden Sprach­kenntnisse endlich abzubauen…

Kurz: sehr empfohlen, die Lektüre von Harald Weinrichs Buch zur Funktion der Tempora: Tempus.

6. November 2011, 11:15

30.
Oktober
2011

Amputationen

In frühen Zeiten des “Homecomputers” begann ich Briefe mit einem Textprogramm zu verfassen. Nicht die Amtsbriefe, die ohnehin, sondern eben auch Briefe an Freunde und Bekannte. Man konnte Bilder integrieren (graustufig und ziemlich pixelig). Man konnte schreckliche Gestaltungsexperimente mit noch schrecklicheren Schriftarten veranstalten. Und ich hatte das Gefühl, auf diese Weise meine Gedanken besser sichten und vollständiger notieren zu können. Das traf in gewissem Maße durchaus zu.

Aber irgendwann wurde ich einer Amputation gewahr, nämlich dass ich keinem roten Faden mehr zu folgen verstand; ich beobachtete mich beim Hin- und Herschieben von Absätzen, die Texte wuchsen in wilden Gedankensprüngen zu wahrscheinlich ebenso chaotischem Gestrüpp. Ich hatte jegliche Filter abgelegt; ließen sich doch alle Einfälle nach und nach in epischer Breite einsortieren. Und griff ich mal zum Federhalter, dann führte jede versehentlich betretene Sackgasse meiner Schilderungen zum Neustart meines Schreibens – ich konnte erkannte Schwächen oder Fehler nicht mehr ertragen; der Federhalter ließ die Lösch-Taste vermissen. Mir wurde Angst.

Bald hatte ich wieder einen Lieblingsfederhalter, musste regelmäßig Tinte nachkaufen und füllte Blatt um Blatt und Heft um Heft.

Dann kam das Internet. E-Mail, Website, Blog verführten mich erneut zum Tippen. Aber das Bewusstsein um die Schattenseiten blieb, und die Liebe zu frischer Tinte auf weißem Papier und die wohltuende Vertrautheit des leisen Kratzgeräusches der Feder blieben gegenwärtig.

Doch wenn ich mal nach einer bestimmten Notiz suchte, schemenhaft mir ein Gedanke in Erinnerung war, den ich gerne weitergeführt hätte, dann fiel die Suche schwer in all dem Tinten-Geschreibsel. Der Griff zu Google, zu modernen Suchprogrammen verwöhnt mit der Verheißung, buchstäblich alles in Sekundenschnelle auffinden zu können. Sofern es irgendwo digital erfasst ist. Und man ein Gefühl für solches Suchen hat.

Mein alter Mathelehrer ließ uns ein Merkheft führen, in dem wir bei Arbeiten alle Grundlagen und Regeln nachschlagen durften. Hauptsache, gewusst wo. Und wie anzuwenden… denn der Unterschied zwischen kennen und können, den er geradezu predigte, erwies sich in den Mathearbeiten als ziemlich entscheidend.

Ich denke sehr intensiv über ein universelles, “digitales” System für Notizen nach, mit dem sich jegliche Gedankenfäden und Geistesblitze sowie Anregungen abbilden und ideal archivieren und verwalten lassen. Es existieren viele Ansätze, keiner ist für mich überzeugend – vielleicht gibt es keine universelle Lösung. Zu diesem Thema wahrscheinlich später mehr.

Aber zugleich erschreckt mich die Beobachtung einer erneuten Amputation: Ich erwische mich bei der zunehmenden Neigung, das Gedachte oder Gefundene eher digital zu archivieren denn in meinem Kopf. Und ich spüre, dass mich dieser Trend in meinen Möglichkeiten beschneidet. Nichts geht über Wissen, das man im eigenen Kopf parat hat. Gäbe es einen Verbindungs-Mann-im-Ohr zu Google&Co. – würde der das Problem lösen? Wenn jede gedachte Frage sofort aufgelöst würde? Abgesehen davon, dass eine solche Lösung technisch in der Ferne liegt, wenn auch vielleicht nicht in weiter Ferne, wäre sie nicht an das Wort gebunden? Würde sie denn gleichziehen können mit dem noch immer weitgehend unverstandenen Funktionieren unseres Hirns? Ich bezweifele das. Ich meine an mir zu beobachten, dass sich viele Ideen “vorsprachlich” entwickeln. Dass sie auf schwer zugängliche Weise über dem Raum in meinem Hirn gespeicherten Wissens entstehen.

Dieses Gefühl tut meiner Suche nach optimaler Erfassung von Gedankenschnipseln keinen Abbruch. Aber ich bin sensibilisiert dafür, mir wieder mehr Informationen zu merken. Es fühlt sich an wie mein erneuter Griff zum Federhalter, vor vielen Jahren…

30. Oktober 2011, 11:11

29.
Oktober
2011

Schon alles wegerzählt!

“Du hast mir ja schon alles wegerzählt!” Dieses Gefühl überkommt mich immer mal wieder, und soweit es der Lektüre einer Zeitung entspringt, kann man wohl annehmen, dass sie sich in sicherem Fahrwasser befindet und ihre Macher Anerkennung verdienen. Auch diesen herrlichen Ausspruch hat mir schon jemand wegerzählt, und ich weiß zu meiner Schande allenfalls noch ahnungsweise, wer es gewesen ist…

29. Oktober 2011, 21:59

23.
Oktober
2011

Ein Trauerspiel...

Unsere repräsentative Demokratie stattet die gewählten Volksvertreter komfortabel aus – man sollte erwarten dürfen, dass sie sich für ihre Entscheidungen professionell informieren.

In dieser Hinsicht ist Hans-Peter Uhl (CSU) offenbar absolut beratungsresistent. Wenn man ihn zur Aktuellen Stunde des Bundestages vom vergangenen Mittwoch reden hört, kann man dann bei diesem absurden Theater zum Trost wenigstens noch lachen? Mir gelingt das nicht mehr.

Man muss von Hans-Peter Uhl Sätze ertragen wie diesen: “Die Computer der Kriminellen werden immer ausgetüftelter, sie werden immer raffinierter”. Man mag mich einen Erbsenzähler nennen, aber mir sagt so ein Satz, dass Herr Uhl keinen blassen Schimmer hat, was ein Programm ist. Man verplappert sich nicht derart, wenn man auf einem sicheren Fundament steht.

Den tiefsten Blick in sein Innenleben als beinharter Vertreter der Maxime “Sicherheit vor Freiheit” erlaubt er uns am Ende seiner Rede: “[…] das Land wird von Sicherheitsbehörden geleitet, die sehr kontrolliert, sehr sorgfältig, sehr behutsam mit dem sensiblen Instrument der Quellen-TKÜ umgeht [sic!], und so soll es auch sein. Ähm, das heißt, es wär schlimm, wenn unser Land am Schluss regiert werden würde von Piraten und Chaoten – äh – aus dem Computerclub. Es wird regiert von Sicherheitsbeamten, die dem Recht und dem Gesetz verpflichtet sind.”

Zweimal diese sehr eigene Auffassung von Demokratie, das hat für mich den intensiven Geruch eines freudschen Versprechers – umso überraschender war für mich, wie wohlwollend redigiert Uhls Sätze im Protokoll wiedergegeben sind: “Die Computerprogramme der Kriminellen werden immer ausgetüftelter, sie werden immer raffinierter” und “verfügt das Land über Sicherheitsbehörden, die sehr kontrolliert, sehr sorgfältig, sehr behutsam mit dem sensiblen Instrument der Quellen-TKÜ umgehen. So soll es auch sein. Es wäre schlimm, wenn unser Land von Piraten und Chaoten aus dem Chaos Computer Club regiert würde. Wir haben Sicherheitsbeamte, die Recht und Gesetz verpflichtet sind.”

Ich meine, es wäre in Ordnung, wenn ein Abgeordneter nach seiner Rede im Protokoll anmerken lassen dürfte, wie er diesen oder jenen Satz gemeint habe. Aber ich finde diese nivellierende Protokollierungspraxis inakzeptabel. Und bin froh, sehr froh, dass das gesprochene Wort auch über die Videoaufnahmen nachvollzogen werden kann. In dieser Beziehung ist unser Bundestag bereits bemerkenswert modern.

Um der Gerechtigkeit willen möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Herr Uhl auf abgeordnetenwatch.de bereits dargestellt hat, dass er seine Formulierung von den regierenden Sicherheitsbeamten bedaure: “Ich bedaure den sprachlichen Missgriff; in freier Rede kann so etwas passieren.” Nicht zuletzt wegen seiner anerkennenswert schnellen Reaktionen auf abgeordnetenwatch.de hatte ich mir Hoffnungen gemacht, er könnte eines Tages mit differenzierteren Sichten und mit zumindest Basiswissen zu den Themen Computer und Internet aufwarten. Darin habe ich mich wohl getäuscht.

Herr Uhl mag sich verplappert haben, was ein Innenminister Hans-Peter Friedrich zum Thema zu sagen hat, ist dann wirklich eine Katastrophe, die Frank Schirrmacher in der FAZ zu recht fragen lässt, warum der sich ohne Not um Kopf und Kragen rede. Herr Friedrichsen wird all seine zweifelhaften Äußerungen zur Rechtslage und seine Versicherungen zum angeblichen Zustand des Schnüffelprogrammes zu erklären wissen; der Spiegel zitiert ihn hier: “Ich bewundere meinen Sohn. Selbst nach den größten Dummheiten findet er noch eine überzeugende Ausrede”. Soll er so zum Lebenswandel seines Sohnes auf seiner Website kundgetan haben. Das ist aus dem Munde eines Innenministers doch ein sehr beruhigendes Statement.

Informationen des CCC zum sogenannten Staats- oder Bundestrojaner findet man hier, und die ZEIT fasst die aktuelle Situation sehr treffend zusammen: Denn die Behörden wissen nicht, was sie tun.

Ein Trauerspiel.

23. Oktober 2011, 19:54

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