Leonardos Fahrrad? jörns notizen

Sprache macht es möglich, dass wir Münchausen gleich aus unserem Gedankensumpf entkommen - um in babylonischer Vielfalt zu landen… »

20.
Juni
2007

Ohnsinn

Autsch! sagte das Blatt zur Raupe, dafür habe ich dich gefressen! Da lachte die Raupe und biss erneut hinein, bis sie ein kleiner Vogel pickte und flugs ins Jenseits schickte. Der Vogel flog davon. Verflogen war auch bald das Jahr, es gab kein Halten mehr und auch nicht Halt, das Blatt ward schwach und alt, haltlos flog es halt los, ist aufgebrochen, um nicht an Fernweh zu zerbrechen. Von einem Rechen bald zu Baumes Fuß verschlagen, verschlug es ihm die Sprache, so zu den Wurzeln heimgekehrt hat es zu guter Letzt mit einer Träne Tau benetzt geträumt, vom Sommer, bis der Schnee getaut. Droben hat sich der Baum erneut erneut und ausgeschlagen, Blätter über Blätter, und auch darunter. Dazwischen gieriges Gewusel, ein Raupennachfahr nimmt dem anderen die Vorfahrt, und hastig fressend verfahrn sie gleich den Vorfahrn gleich. Flügelschlagen naht, flugs setzt ein Vogel sich mit sehr verschlagnem Blick auf einen Ast, bar jeder Hast, scheinbar, doch – hast du nicht gesehen – pickt er als Nimmersatt die Raupe von dem nächsten Blatt.

Das sollte mir zu denken geben. Aber wie bei Hitze denken? Lass ich mich treiben, treibt das Hirn nur welke Blüten, und das treibt zur Verzweiflung. Treibt es mich? Es treibt mich nicht. Ohn Antrieb ungestrandet Treibholz sein, das wär jetzt gut. Gestrandet? Nein, nur etwas übernommen, Grenzerfahrungen: ich nenn es Leben.

20. Juni 2007, 08:48

04.
Juni
2007

Das Wochenende schenkte mir

dieses wunderhübsche Wort: “draufgebündelt” – für so ein kleines Extra, das draufgepackt, dazugegeben ward. Da rede noch mal jemand von Sprachverfall und sehe dessen Wurzel in einer Anglisierung unsrer Alltagssprache! Ohne englisch ‘bundle’ wäre dieses süße ‘draufgebündelt’ wahrscheinlich nicht entstanden. Zugleich lässt mich das wieder einmal darob sinnen, warum ich eines ungewohnten Wortes erst im Duden mich zu vergewissern neige. Wenn es einen schönen Klang hat, sich intuitiv erschließt, warum sollte man ein Wort dann nicht verwenden? Ist doch der Duden, wie andre Wortsammelwerke auch, letztendlich eine Auswahl des Gebräuchlichsten – wären wir geneigt, nur diesen Wortschatz zu verwenden, konvergierte der uns dann nicht früher oder später gegen ein Wortmassiv, das nüchtern auf das Wesentliche eingeschränkt, ganz funktional und kaum noch lebendig wäre?

4. Juni 2007, 09:03

25.
April
2007

Auf meinem Tisch...

steht eine dieser Sprüchekarten, die jetzt bei Sonnenschein sprüchekartenständerweise vor jedem kleinen Tinnef-Laden auf den Gehsteig schwappen. Ich ärgere mich immer wieder über diese Karten, vor allem über die mit unbestreitbar guten Sprüchen. Denn nie, wirklich noch nie habe ich auf einer dieser Karten den Ort notiert gefunden, an dem der Spruch geerntet wurde. “Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen” steht da in weißen Lettern, und das Bild dahinter zeigt durch gründlich angerostete Speichen hindurch eine nicht minder rostige Radnabe, bei deren Anblick ich immer denke, dass jegliches Erhöhen der Geschwindigkeit mit dem dazugehörigen Fahrrad unterm Hintern ganz sicher keine gute Idee wäre. Unten rechts verleiht der Namenszug “Mahatma Gandhi” dem Spruch Zitatgewicht. Wo das Zitat gebrochen wurde, das findet man dort nicht. Ist am Ende auch egal, wenn dann das Ende da ist und man bemerkt, aus lauter Hast hat man das Wichtigste verpasst. Eigentlich verfehlt der Spruch das Ziel, denn wer beschleunigt schon zum Selbstzweck. Außer ein paar Leistungssportlern. Und dennoch hat sich dieser Spruch mit Karte auf meinem Schreibtisch angesiedelt, denn er erinnert mich daran, täglich aufs Neue, dass ich die wichtigeren Dinge im Leben nicht jagen, sondern sammeln will. Diese tägliche Erinnerung ist allerdings nur mäßig von Erfolg gekrönt.

25. April 2007, 23:00

21.
März
2007

Aprilfische

Die Macht der Bilder ist enorm. Da fällt ein bisschen Schneematsch aus den Wolken, fast ein Aprilscherz, un pesce d’aprile, Fisch des April, wie man in Italien sagt. Eigentlich nur kleine Fische und keiner Rede wert, doch dann sind da die Bilder tief verschneiter Landschaft anderswo in Deutschland. Und schon sehe ich die blühenden Narzissen und die Ungeduld der Tulpen unter Schnee gebrochen und erstickt. Wegen ein paar Flocken Schnees Geschwätz über das Wetter. Ich rede Schnee; die Worte schmelzen bei genaurem Hinsehn gleich ein paar Flocken Schnees in meiner Hand. Ich muss daran denken, dass so gesehen ganzjährig die Schneegrenze gesunken ist. And I have a snowball’s chance in hell to change it. Ach, dieses Wetter macht mich noch meschugge; ich schwanke zwischen meiner Frühlingssehnsucht und Ergebenheit in diesen Schneematschquatsch da draußen. It does a snow job on me, I’m a bit under the wheather today. Sorry, scusa, 'tschuldigung.

21. März 2007, 08:51

09.
März
2007

Stephen King

ließ in “The Green Mile” den Gefangenen John Coffey jene Worte sagen, die sich in meinen Kopf gebrannt: “Er hat sie mit ihrer Liebe getötet. So passiert es jeden Tag… auf der ganzen Welt!”

Mit diesen Worten jedenfalls im deutsch synchronisierten Film. Nachdem John Coffey dank seiner besondren Gabe im Todestrakt Green Mile seinen Wärter sehen ließ, dass nicht er, John Coffey, mordete. Und sehen ließ: der wahre Mörder zweier kleiner Schwestern brachte die zum Schweigen, indem er jeder drohte, falls sie nicht stille bleibe, an ihrer statt der Schwester etwas anzutun. Ein grauenvolles Bild. Und doch, reicht es nicht in so manchen Alltag? Erschreckend weit bis ins Alltägliche? So viele schöne Weisen Liebe kennt, so schaurig viele Arten Macht sind eng mit ihr verwoben.

Schon lange wollte ich die Worte Coffeys mal im Original gelesen haben, endlich habe ich’s nun angepackt. Mein Englisch ist zwar löchrig, doch quergelesen stören fehlende Vokabeln eher wenig, schnell war die Stelle aufgefunden. Das Englisch des John Coffey aber enttäuschte mich zunächst, und kompakter hatte ich die Stelle auch erwartet. Im Film, in Deutsch, ist Coffeys Sprache halt an andren Stellen schlicht gestrickt, nur zu natürlich, und nicht zuletzt kann man ihn dort ja sehen.

“‘He kill them with they love,’ John said. ‘They love for each other. You see how it was?’ I nodded, incapable of speech. He smiled. The tears where flowing again, but he smiled. ‘That’s how it is every day,’ he said, ‘all over the worl’.’”

Kein griffiges Zitat, jedoch “The tears where flowing again, but he smiled.” Vielleicht les ich nun, ganz unerwartet, hin und wieder Stephen King.

9. März 2007, 08:16

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