Sprache macht es möglich, dass wir Münchausen gleich aus unserem Gedankensumpf entkommen - um in babylonischer Vielfalt zu landen… »
19.
Oktober
2007
Nischendasein
Das also führ ich nun. Ein Nischendasein. Endlich ein Ende des ewgen Hin- und Her. Der Blick auf Apfelbaum und Haselbusch ist mir ins Herz gebrannt. Ich hör die Igel schnaufen, an Hasels Fuß im Laub, am Horizont darüber markiert ein einsam Licht jetzt Hochlands Rand, ich sehe es vor mir. Doch sitz ich nun in dieser Nische, die ersten drei Brett meiner Bücher über mir, und fühl mich wohl. Fühl mich gelandet. Ein Tausch, jedoch ein guter, obgleich doch “tauschen” eigentlich von mittelhochdeutsch “tiuschen”, also von “täuschen” kommt. Für mich stammt diese kleine Nische, bestückt mit meiner Mutter altem Schreibtisch, jetzt in besondrer Weise via altfranzösisch “nichier” von lateinisch “nidus” ab: die Nische ist mein Nest geworden. Und Du so nah bei mir. Musst nicht mehr lange warten.
19. Oktober 2007, 23:25
22.
September
2007
tag-T-raum
Er holt mich ein, immer wieder, besonders an so wilden Abenden wie jetzt, da sich die Nächte über schneidend klares Herbstlicht legen. Ich brause meinem Noch-Domizil entgegen, längs der Elbe, die quer zerfurcht vom Abendwind sich in der Dämmerung bedrohlich zeigt. Mein Kopf ist zum Zerspringen angefüllt, ein Knäuel roter Fäden, die sich mal wieder nicht entwirren wollen, das Spannseil meiner Seele scheint zerfasert, ich kann mich nicht entscheiden, und folge allen Wegen parallel, ein Kopfspagat, gottlob habe ich einen dicken Schädel. Und dann seh ich dieses Bild von einer Brücke, die sich atemraubend spannt und doch nicht Anfang und nicht Ende hat, ein schwebendes Fragment, ein Regenbogen aus Beton, die Enden unerreichbar. Ich fühle, dass dies meine Brücke ist, noch unvollendet, wie so vieles, für das mir einfach Muße fehlt. Auf der Brücke braust ein Zug, die Türen zu, kein Trittbrett ist zu sehen, stromlinienförmig saust er, und ich kann ihn schneller fahren lassen, nur Bremsen ist nicht möglich; es gibt keinen Halt. Dieses Bild ist mehr Gedanke denn ein Traum; ich bin ihm nicht ausgesetzt. Und doch sehe ich es wiederkehrend. Und wundre mich, dass mich gerade dieses Bild ganz ruhig werden lässt, die roten Fäden mir entwirrt und Ordnung in das Chaos bringt.
22. September 2007, 09:41
06.
September
2007
Herbstlicht,
kristallen klarer Abend, überirdisch schöne Farben, Wolkenbilder aus der Kitschfabrik, ich radle zwischen alten Bäumen, an verträumtem Teich vorbei, folge jenem schmalen Wiesenpfad, und fühle, wie dieser Bildertraum sich greifen lässt, grübele ob des Absurden, dass mir gerade der Moment gewordne Übertraum aus Licht und Farben das Gefühl zu Leben schenkt, mich Wirklichkeit empfinden lässt. Was ist schon wirklich, was ist wahr? Allen Definitionsversuchen steht die Wortgeschichte gegenüber: vom (Flecht-)Werk her das Wirken, das Suffix -lich als Überbleibsel eines alten Wortes für Gestalt, wirklich also das Geschaffene? Und wahr ist, was uns wohlgesinnt, ist das Vertrauenswerte, Glauben, russisch vera. Von Gorz klingt noch ein Wort im Ohr, dass allem Geist zum Trotz am Ende dieses zähle: das Fühlen.
6. September 2007, 09:26
16.
August
2007
Sommerloch
Leise, am Beginn ganz leise hebt Regen an im Laub zu rascheln, kaum merklich wächst das Rauschen in den Blättern, bis schließlich aus der Sickergrube Plätschern blechern durch die Regenrohre hallt wie fernes Trommeln. Es ist ein Morgen, dem ich gute Nacht zurufen wollte, aus meinem Sommerloch heraus, in das ich mich gegraben habe, im Treibsand meiner Hast. Phlox leuchtet fahl aus trübem Dunkel unter tiefen Wolken, säumt meinen Weg der Flucht vorm Muss, der mich beinah gefallen sah. Und so im Stolpern innehaltend Gefallen an der Muße wiederfinden ließ. Ich mache mirs im Sommerloch bequem. Die regenreine Luft, das leise Rauschen, das tropfensatte Blattwerk öffnen meine Augen, und zwei kristallen grüne Lichter leuchten mir zu Dir: nach Haus.
16. August 2007, 16:02
13.
Juli
2007
Verzettelt verzettelt
Seh ich meinen Schreibtisch an, des Umriss nur dank seiner Maße sich aus der Masse Wirrwars drumherum noch ahnen lässt, so scheint das Wort ‘verzettelt’ Bild geworden.
Bisher dachte ich beim Anblick dieser Zettelvielfalt über Buch- und Notenstapeln, dass ‘sich verzetteln’ ganz natürlich verwandt sein müsse mit dem Zettel aus Papier, und bei ‘angezettelt’ dachte ich an jenen Zettel, auf dem der gute Luther seine Thesen festhielt, mit denen er nun wahrhaft Wesentliches angezettelt hat. Thesenanschlag her wie hin, ein Anschlag auf die alte Ordnung war es allemal. Von Ordnung kann bei meiner Zettelei nur eingeschränkt die Rede sein, zumal die Zettel nicht allein ‘verzettelte’, Papier gewordene Gedanken sind, sondern auch ich mich selbst tagaus, tagein verzettele, die vielen Zettel stehn dafür, beziehungsweise liegen.
Nun stolperte ich jüngst darüber, dass es den Zettel auch im Webstuhl gibt; die längs gezognen Fäden kann man so benennen. Das kommt von dem gestorbnen Wörtchen ‘zetten’ her, für ‘streuen’ und ‘ausbreiten’. Es gibt dem Verb ‘anzetteln’ eine viel schönere, komplexere Bedeutung: mit dem Aufspannen der Längs- oder Kettfäden, der ‘Zettel’ eben, beginnt man einen neuen Stoff zu weben. Und mein beständiges Verzetteln? Das alte Wort ‘verzetten’ heißt ‘verstreuen’, ‘einzeln fallen lassen’. Verzettelt Zeit und Kraft vertan? Warum, die Saat wird auch gestreut. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Darauf ein Prosit, mit halbvollem Glas in der Hand! Apropos ‘prost!’, nein, dieser Zettel führt zu weit, ich will mich nicht verzetteln. Vielleicht sollte ich eine Rubrik “Das Wort zum Wort” beginnen. Klingt aber irgendwie doof.
13. Juli 2007, 16:36



