Leonardos Fahrrad? jörns notizen

Sprache macht es möglich, dass wir Münchausen gleich aus unserem Gedankensumpf entkommen - um in babylonischer Vielfalt zu landen… »

24.
März
2010

Identifikationismus

Worte zeugen Assoziationswolken. Oder, mit Alfred Jarry, Ideenpolyeder, wie ich dank María Cecilia Barbetta weiß. Man kann Worte von vielen Seiten her betrachten, und in so verschiedner Sicht ergeben sich unzählige Verbindungen. Mit Blick auf “Identifikation” scheint mir das Bild von der Assoziationswolke aber passender. Es ist, treff ich auf dieses Wort, als sei ich eben auf einen überreifen Pilz getreten, den Bovist. Als düstrer Staub hängt eine Wolke seiner Sporen in der Luft, und übelriechend macht er seinem Namen alle Ehre: “Bovist”, das heißt “Fähenfurz”, Furz einer Füchsin (die Biologen sagen vornehm “Lycoperdon”, Furz des Wolfes).

Identifikation ist im Alltag nicht gänzlich negativ belegt; es lebt Gemeinschaft davon, dass wir einander eindeutig erkennen (richtiger: darauf vertrauen). Auch sich eine Sache zu der eigenen zu machen, sich mit etwas “zu identifizieren” ist per se nicht falsch.

Aber schon bei der Konstruktion des Wortes fängt es an zu bröseln. “Identifizieren” lässt via “facere” in meinen Ohren “gleichmachen” anklingen. Identisch ist zu kräftig, als dass ich identifizierbar, auf völlige Übereinstimmung mit einer notgedrungen endlichen Auswahl an Merkmalen festlegbar sein wollte. Freilich, als Individuum (nichts als “kleinste Einheit”, “unteilbar”, zu dividere, als Lehnübersetzung verwandt mit dem “Atom”) einzigartig, Unikat zu sein, ist nicht mehr als eine feine Illusion. Die zudem nicht wohlgelitten ist; das Einzigartige wird schnell zum Unikum gestempelt, das nicht geheuer, weil so anders.

Zurück zum Alltag. Ich habe nie verstanden, warum den Telefonen von Anbeginn zwei Tasten fehlen: Eine, um den eignen Anruf wahlweise zu anonymisieren, und eine zweite, um hereinkommende anonyme Anrufe zeitweise zu blockieren. Das sei nur erwähnt, um zuzugeben, dass ich das Identifizieren nicht gänzlich abgeschafft erträume.

Wenn es der Göttin der Neuzeit, der sogenannten “Sicherheit” auch nur den Anschein hat zu dienen, dann liegt der rote Teppich schneller, als man denken kann. Die Gefahr steckt in der Technisierung des Identifikationsvorganges. Zum einen ist, wie bereits bemerkt, die Merkmalsauswahl immer eine unvollständige. Dazu kommt die natürliche Fehlbarkeit der Technik, die erschreckend schnell mit Technikglauben vom Tisch gefegt und ausgeblendet wird. Dieses blinde Vertrauen ersetzt zunehmend das empathische Vertrauen, das mit Augenmaß und Lebenserfahrung Menschen einzuordnen weiß. Wehe dem, der mal durchs Raster fällt oder aus Versehen der falschen Gruppe zugeordnet wird. Aus der Nummer kommt man nicht so schnell wieder heraus. Und daran ändert nichts, dass immer wieder die Unzulänglichkeit der Identifikationsmechanismen offengelegt und angeprangert wird.

Im Internet macht man sich identifizierbar. Dagegen kann man etwas tun, doch ist es allenthalben ein Wettlauf mit der Wirtschaft. Denn die versucht um des Gewinnes willen stets schon am Ziel zu stehen, und spießt auf ihren Igelstacheln alles auf, des habhaft man sie werden lässt. Das kann man verstehen, weil die Werbung nachvollziehbar mehr Effekt erzeugt, wenn der Betrachter kategorisiert ist, wenn eine brauchbare Vermutung über seine Wünsche existiert. Das kann beängstigen, die wahre Angst ist angebracht, wenn dieser Mechanismus andren Zielen dient. Wenn das pragmatisch eingestellte Urteil aus Technikglauben zu einem wahren Urteil führt. Wohnst Du in der falschen Straße, kriegst den Kredit Du nimmer, das Auto nicht so günstig, was auch immer. Du bist als kritisch eingestuft und kannst nicht neu versichern, und nichts bringt die blasierte, technikglaubende Person am andren Ende Deiner Leitung zur Umkehr mehr. Der Schwarm schwimmt weiter, das Unikum geht unter, ein B-Lächeln zeugt noch eine Weile von seiner Existenz.

Wir sollten nicht aus dem Auge lassen, wie sehr unsre Augenblicke längst nach Identifizierungsalgorithmen in Kleinkrämerschüben landen. Wir sollten uns nicht beliebig identifizierbar machen, solange diese Gegenwehr uns noch nicht zum Unikum stempelt. Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob dieser Zug nicht schon lange abgefahren ist. Eine interessante, abgefahrene Methode, Durchschaubarkeit in uns zu suchen, wird derzeit von der EFF gezeigt: hier kann man sich ein Bild davon machen, wie gut man im Internet ausgemacht werden kann, auch wenn man die Kekskrümelspur (Cookies), zumindest jene der vergangnen Tage, bereits wirksam ausgeschalten hat. Und wer noch nicht bei Firefox mit NoScript gelandet ist, kann dort bewundern, was Javascript schon alles zu beobachten erlaubt.

24. März 2010, 08:04

20.
Februar
2010

Kein Schneeweh...

Und wenn sich weiße Flocken noch so prachtvoll übers Land gelegt…

Winter 2009/2010

Kein Schneeweh habe ich, nicht im geringsten, auch nicht im Blick auf wirklich zauberhafte Schneelandschaften. Es ist ein fauler Zauber, des Kern hernach mich noch für Tage oder Wochen als harsch vereister Dreck die Zeit der Stille als Stillstandszeit empfinden lässt.

Die Meisen trommeln wieder Quinten, die Sonne lugt den Wintertrug hinweg, und ich ahn endlich den Beginn, ich riech den Frühling.

20. Februar 2010, 10:53

11.
Januar
2010

Nachtgespenster

Kristallen still, geräuschlos liegt die Nacht — ich nicht. Der Kopf, er kann nicht bremsen, schleudert durch Gedankenwolken, wird die Gespenster nicht mehr los. Wild wirbeln Freuden, Ärger, Trauer, Mut und Übermut und offne Fragen, ein wirres Netz aus Lösungswegen liegt Spuren gleich im Schnee, irrlichternd geistern lockend die Ideen dort im Dunkel, an Schlaf ist nicht zu denken.

Schäfchenzählen funktioniert nicht; die Herde lässt sich schätzen, zu leicht, das Hirn spinnt weiter tausend Fäden. Ich rette mich ins Wörterwandeln: Je ein Buchstabe weggelassen, getauscht, hinzugefügt, von heut ins Morgen. Heute, Leute, Laute, Laut und Maut, Mast (ach Mist, das geht zu schnell), Most (Sackgasse? — zurück!), Mast, Hast, hart, Hort, horte Worte, warte, wate Wade, Made (müde?), Mode, Morde — morden morgen mich die grauen Zellen? Noch nach wach mach mich, ich, ach, Acht, echt, Echo, Eco, Eck, Ecke, Hecke, Hacke, Hacken, Haken, Hasen (okay, das Ziel ist der Igel), Rasen, rasten, rosten, Roste, Rost, rot, Brot, brat, Rat, Rate, raten, Braten, Briten, Riten, reiten, leiten, leisten, Leiste, leise, (Wein-)Lese, lesen, Wesen, Wesel, Esel, Egel, Igel. Endlich müde.

11. Januar 2010, 23:55

25.
November
2009

Jetzt im Jetzt.

Das Jetzt, so schwer zu fassen zwischen Zukunft und Vergangenheit, ist dünner als ein Blatt Papier. Man sagt “im Hier und Jetzt”, und dabei ist doch nur das “Hier” noch da, im besten Falle, wenn man den Satz beendet hat. Und dennoch findet Leben statt nur je in diesem Jetzt. Nicht die Vergangenheit, die mir wie Gestern scheinen will, in Wahrheit Jahr um Jahre schluckt, auch nicht die Zukunft, mit Ihrem Irrlichtspiel an Möglichkeiten. Ich leb im Jetzt. Auf dieses dünne Drahtseil setz ich meinen nächsten Schritt. Das muss ich mir aufs Neue sagen, in jedem neuen Jetzt.

25. November 2009, 07:02

25.
April
2009

Augenblicks Moment

Bin kurz hinausgetreten, und auf der Schwelle schon umfängt mich süß ein Hauch von Apfelblüte. Die Dämmrung naht, nur noch die Amselherren auf den Giebeln singen sich ihr Lied auf diesen Tag, der Rest der Welt hält inne. Fast Morgengrauen spiegelnd, wie wenn nach dem Geschrei ums erste Licht die Vögel plötzlich stille werden, bis Sonne sichtbar wiederkehrt. Die milde Wärme dieses Tages ist noch nicht verflogen, und auch die letzten Hummeln fliegen noch, mal hie, mal da hebt eine überm Blütenmeer sich mir vom Abendhimmel ab. Taumelnd suchen sie zu raffen, die Nacht greift schon nach ihnen, doch wie sich lösen, wenn rings noch abertausend Blüten locken… Dies Bild geht mir nicht aus dem Kopf; seh selber mich getrieben vom Blick auf tausend Möglichkeiten, verlockt von Augenblicks Moment.

25. April 2009, 21:30

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