Leonardos Fahrrad? jörns notizen

Sprache macht es möglich, dass wir Münchausen gleich aus unserem Gedankensumpf entkommen - um in babylonischer Vielfalt zu landen… »

22.
April
2009

Schattenspiele

Und dann begegnet er ganz unvermittelt einem Schatten der Vergangenheit. Seiner Vergangenheit? Verwundert hält er inne: Schon lang nicht mehr verwundet, und doch den Schatten noch als Schatten wahrgenommen. Obgleich der Schatten wahrlich Schatten seiner selbst geworden, zumal im Licht der Jahre ausgeblichen. In diesem Licht lösen sich Schatten aus dem echten Dunkel. Projektionen werden im Lauf der Sonne offenbar, falls nicht zuvor von selbst ein Licht ihm aufgeht. Da löst er sich von seinem Schattenspiel und findet eine neue Dimension.

22. April 2009, 22:59

07.
Februar
2009

Kapitales Herdenvieh

Glaube ich dem Duden, so hat das Kapital ursprünglich mit dem Bestand an Herdenvieh zu tun. Klingt plausibel und weckt Assoziationen zwischen Nutzvieh-Herde und einer Schar von Lemmingen.

Das Etymologische des dtv deutet die Herkunft des Wortes Kapital etwas zurückhaltender; Kopf als Ursprung wohl, doch wie ein Haupt sich gern hauptsächlich sieht, als Oberhaupt, so ist das Kapital dort schon im Ursprung schlicht wesentlicher Grundstock an Vermögen.

Letzten Endes ist es aber wurst, wie dieses Wort vom Kapital denn nun auf uns gekommen ist; jene kapitalen Glücksspielbanker, die Kohle nur verheizen können, sie sehn in Menschen doch nur Lemminge, und deren Wert darin, dass sie sich über jede Klippe jagen lassen.

Wenn aus der Schattenwirtschaftskrise Ausweg ist, dann führt er übers Licht, das die Gesellschaft in den Schatten wirft. Die bisher blind versprühten Milliarden jedenfalls sind weg und der Effekt so groß, wie wenn man nachts im finstren Keller Öl verspritzt, um seine Fahrradkette neu zu schmieren.

Kaputt ist übrigens nicht zwingend mit dem Kapital verbunden, aber übers Kartenspiel vielleicht nicht gänzlich unverwandt: Aus dem Französischen capot für “ohne Stich sein” gekommen, wo dieses Wort wahrscheinlich mit dem Bild vor Augen entstand, dass jemand sich die Kapuze seiner cappa, seines Mantels ins Gesicht zieht, wenn er sich in (dann erst recht) aussichtsloser Lage sieht, hat es via cappa wie das Kapital und wie der Kopf und wie das Haupt was mit einem alten Wort für Schale, für Gefäß zu tun. Kopf kommt von der runden Kuppe, die (in guten Fällen) ein bisschen Hirn enthält.

7. Februar 2009, 19:13

07.
Januar
2009

Schusters Leisten

Schuster, bleib bei deinem Leisten, so heißts noch heute bei den meisten, die des Versuches Fehlschlag kommentieren. Bleib schön beim Abbild jenes Fußes, für den der Schuh mal passen soll, bleib in der Spur, in den Geleisen alten Denkens. So kommt man, etwas leistend, zu Erfolg.

Ich liebe, wie verräterisch die Sprache ist; der Leisten ist im Ursprung Fußabdruck und Spur, verwandt mit den Geleisen, und etwas leisten heißt im alten Wortsinn nichts andres als befolgen. Folge leisten ist genau genommen tautologisch. Natürlich verlagern sich Bedeutungen, gottlob, die Sprache lebt. Doch lebt die Sprache nicht auch von der Feinheit der Begriffe? Und wäre es nicht nur vernünftig, statt allenthalben Leistung einzufordern, Können und, daraus erwachsend, Schaffen zu verlangen? Etwas zu leisten ist nicht ganz dasselbe, auch wenn es heutzutage meist in diesem Sinn verstanden wird.

Wer was leistet, hat, mit etwas Glück, Erfolg. Erfolg ist die Belohnung für das Bestreben, Erwartungen zu folgen, sie zu erfüllen, böse formuliert: sich ihnen anzudienen. Ist das denn wert, erlangt zu werden?

Ach, wünsch mir nicht Erfolg, wünsche mir Gelingen. Du weißt, ich bin empfindsam in solchen Sprachendingen.

7. Januar 2009, 07:49

21.
Dezember
2008

Schon wieder Weihnacht.

Mir scheint, dass die Adventszeit in jedem Jahr ein Stückchen kürzer wird. Drum halt ich inne, und ich sehe noch die Lichter, die sich in unsren Kinderaugen spiegelten. Die Wohnung war vom Duft der Stollenbäckerei erfüllt, die Tage bis zu Heiligabend rannen zäh wie Honig, und jeden Tag gab es ein Stückchen aus der Weihnachtsgeschichte zu hören. Mündend im Stall unter dem Stern, die Krippe zwischen Ochs und Esel, darin das goldgelockte Kind in reinlichen Windeln… Weihnacht sind die Kirchen gut gefüllt. Man holt sich schnell noch etwas Weihnachtsstimmung ab, bevor dann im Familienkreis die Krise naht. Manch Pfarrer kann in seiner Weihnachtspredigt dem nicht widerstehen und watscht die seltnen Gäste ab. Verständlich und doch traurig. Stille Nacht, heilige Nacht, süßer die Glocken nie klingen, wenn sich nur der Orgel nicht die Pfeifen zusetzen bei so viel Süßkram. Den ich aber gar nicht missen möchte: Zur Weihnacht ist eine Extra-Portion seliger Verklärtheit erlaubt.

Was ist uns Weihnachten? Tradition. Familienfest. Geschenkemarathon. Achja, Heilands Geburtstag. Und, in abertausend Krippenspielen zelebriert: so arm geboren. Uns allen geboren. Aber was macht Weihnachten so groß? Was ist der Knabe in der Krippe gegenüber den vielen überlieferten Gleichnissen, seinem Weg und seinem Ende am Kreuz? Ist es, weil das Bild vom Kind in der Krippe so hübsch bequem zu verstehen ist?

Bei Karl Baier bin ich auf eine Sicht gestoßen, die mir die vielen kleinen Risse im Weihnachtsbild verheilen hilft. Eine Sicht, die wie so viele Einsichten der Antike und besonders des Mittelalters von der Romantik überpinselt wurde. Weihnacht als Feier der Dreifachgeburt, Geburt als Sohn des Gottes, als Sohn der Maria und damit Mensch unter Menschen, und Geburt Gottes in jedem Menschen, der sich darauf einlassen möchte. Womit wir wieder bei den Krippenspielen wären, mit den Hirten und den Weisen, den Armen wie den an vielerlei Gaben Reichen, die diesem Ereignis anheimfallen, für die es ein Wendepunkt des Lebens wird. Und was ist mit der Gemeinde zwischen diesen Extremen, die süß bedudelt hernach gen Christbaum zieht, eine schöne Bescherung? Von Origines ist überliefert: “Was nützt es mir, wenn Christus geboren wird aus der heiligen Jungfrau, aber nicht in meinem Inneren?” Und Meister Eckart sagt zu diesem Thema, zweihundert Jahre vor Luther: “Nun sagt ein Meister: Gott ist Mensch geworden, dadurch ist erhöht und geadelt das ganze Menschengeschlecht. Dessen mögen wir uns wohl freuen, dass Christus, unser Bruder, aus eigener Kraft aufgefahren ist über alle Chöre der Engel und sitzt zur Rechten des Vaters. Dieser Meister hat recht gesprochen; aber wahrlich, ich gäbe nicht viel darum. Was hülfe es mir, wenn ich einen Bruder hätte, der da ein reicher Mann wäre und ich wäre dabei ein armer Mann? Was hülfe es mir, hätte ich einen Bruder, der da ein weiser Mann wäre, und ich wäre dabei ein Tor?” Wie gesagt, siehe bei Karl Baier, Weihnachten: Fest der dreifachen Gottesgeburt – eine Spurensuche.

21. Dezember 2008, 11:05

19.
Dezember
2008

Hirnkrach

Beschönigend könnte ich Konstruktivismus dazu sagen, wenn nachts mir wie ein Keil der Hirnkrach quer durch die Gedanken fährt, Wortspaltereien treten dann das Denken über Inhalt in die Tonne. Und in der vergangnen Nacht war es die Suche nach A-e-i-o-u-Konstrukten, nach Sätzen mit Worten gleichen Klangs, nur ein Vokal in eben jener Reihenfolge wechselt. Seis drum, hier ists entsorgt:

Mag ich daran glauben, es gäbe umgangssprachlich, mancherorts, ‘het’ für ‘es’ (mir ist es nur für ‘das’ erinnerlich), dann funktionierte, gemixt mit Denglish: Hat het Hit, hot Hut hat man dann auch. Nicht überzeugend. Gut. Es weihnachtet, da will die Herde in den Stall getrieben sein, das ungewohnte Dach über den Köpfen lässt manchen Herdenteil vor Panik blöken, den Schäfer dauert das, doch aus mit Dauern, Ausdauer ist gefragt: Zu oft muss er beim Einstallen Stellen stillen, Stollen Stullen dann ersetzen müssen. Naja.

Aber schließlich doch noch Hirnesruh in Sicht, am Horizont gefunden:

Kaum sah See sie, so suchend sann sie in die Ferne.

Und endlich konnt ich wieder schlafen.

19. Dezember 2008, 07:58

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